Borgmann's Olympia Blog #19: Gold für Julia Krajewski! Teamgold für den Magier Chris Bartle!

Foto: Thomas Borgmann - Fotograf: Stefan Lafrentz

Foto: Thomas Borgmann - Fotograf: Stefan Lafrentz

Was für eine Geschichte, dramatisch und schön zugleich! Julia Krajewskis Vater ist vor Monaten gestorben. 2018/19 hatte ihr Misserfolg bei der WM in Tryon dazu geführt, dass Chipmunks Züchter und Mitbesitzer Hilmer Meyer-Kuhlenkampff das Pferd verkaufen, es nicht länger von ihr reiten lassen wollte. Michael Jungs Sponsor und Mäzen Klaus Fischer half, das Pferd zu Michael Jung zu geben, es in Deutschland zu halten. Denn es bestand die akute Gefahr, dass Chipmunk ins Ausland verkauft wird. Julia Krajewski ging zwar finanziell keineswegs leer aus, bekam beim Verkauf gutes Geld für ihre Ausbildung von Chipmunk. Aber ihr Toppferd war nun weg. Vor Monaten musste sie schweren Herzens ihren Samourai du Thot aus dem Sport nehmen – eine Augenkrankheit machte dies unabweisbar. Bitter für sie. Aber sie hatte ja noch die französische Stute Amande im Stall. Die hat sie binnen zwei Jahren zum Olympiasieg geführt, eine wirklich grandiose Leistung. Die erste Frau, die olympisches Gold in der Einzelwertung gewinnt. Aus diesem Stoff sind die Legenden gemacht im Sport mit den Pferden. Chapeau! (Seit 1912) gibt’s das Reiten bei Olympia.

 

Der Spanier Santiago Zarella hatte für das Einzelfinale der letzten 25 um die Medaillen einen Kurs von 375 Metern mit neun Hindernissen und 12 Sprüngen gebaut, knappe Zeit: 60 Sekunden. Nur fünf fehlerfreie Ritte und viele müde Pferde. Michael Jung mit FischerChipmunk am Ende auf Platz acht mit einem Abwurf, schade! Sein Kommentar: „Jetzt bin ich natürlich enttäuscht. Hier ist alles nicht so ideal gelaufen – das nötige Glück, das ich in London und Rio hatte, gab’s diesmal nicht. Julia hat verdient gewonnen, eine tolle Leistung – zwei Parcours wie aus dem Bilderbuch!“ Sandra Auffarth hat  diese Tokioter Spiele auf Platz 31 beendet.

 

Spannend, ja dramatisch verlief der Höhepunkt des Finals, die letzten zehn Pferde. Es ging hin und her, auf und ab. Nichts für schwache Nerven: Träume zerplatzten wie Seifenblasen, etwa der des Briten Oliver Townend, die Nummer eins der Weltrangliste: Sein Ballaghmor Class patzte zweimal, im Teamspringen und im Einzelfinale – der erhoffte Olympiasieg war futsch, am Ende sogar „nur“ Rang fünf. Dafür trumpfte Andrew Hoy auf, der 62-jährige Australier bei seinen achten Spielen! Seit 1982 zählt er  zur Weltelite, war dreimal für Australien Team-Olympiasieger 1992, 1996 und 2000. Heute der verdiente Lohn für den Profi, der sich im Mai in Marbach auf Tokio vorbereitet hatte. Er sagt: „Ich bin der einzige, der Vassily de Lassos reitet – sonst niemand!“ Das gilt übrigens nicht für alle Topreiter, auch nicht im deutschen Trio. Vor diesem Andrew Hoy verbeuge ich mich und ziehe den Hut! Chapeau!

 

Das Gegenstück zu Andrew Hoy, halb so alt wie er:  der 30-jährige Brite Tom McEwen auf Toledo de Kerser. Das Teamgold bei der WM 2018 in Tryon hatte er mit gewonnen – Chris Bartle vertraute ihm, holte ihn in sein Olympiateam. Mit dem Wissen, Teamgold gewonnen zu haben, glänzte Tom McEwen heute, gewann durch zwei souveräne Parcours, die jeden Kenner mit der Zunge schnalzen lassen, Silber! Chapeau!

 

Heiter gesagt, nicht ganz ernst gemeint: Nach ihrem Olympiasieg, nach den zwei glanzvollen Nullrunden zur Goldmedaille, muss Julia Krajewski womöglich damit rechnen, in den nächsten Tagen üppige Kaufofferten aus namhaften internationalen Springställen zu bekommen – frei nach dem alten Motto: Dieses Pferd ist doch viel zu schade für die Buschreiterei! Ihr Kommentar: „Heute war es sehr emotional für mich! Ich bin unheimlich stolz auf mein Pferd. Was 2016 war in Rio, das ist für mich ein alter Hut!“

 

Das olympische Finale im Mannschaftsspringen hat aus meiner subjektiven Sicht ein Mann geprägt, den man im Fernsehen gar nicht sehen konnte – schon deshalb nicht auf der kleinen Tribühne von „Kiss and Cry“, weil er – wie die meisten anderen - eine Maske trug. Blickt man freilich auf den internationalen Sport der Buschreiter, so steht Chris Bartle (69) mit ganz oben: Als Co-Trainer unserer Reiter gehen die olympischen Erfolge von London 2012 und Rio 2016 wesentlich auf sein Konto! Ingrid Klimke beispielsweise vermisst Chris Bartle bis heute schmerzlich, hat einiges an ihrer Sicherheit verloren, seitdem Bartle weg ist. Der wiederum führte seine Equipe 2018 zum Golderfolg bei der WM in Tryon: Rosalind Canter gewann den Titel – weil Ingrid Klimke am letzten Sprung patzte. Teamgold ging ebenfalls an die Briten.

 

Heute in Tokio fast das gleiche Bild: Chris Bartle, der selbstverständlich Cheftrainer ist auf der Insel, führt sein Trio zum Olympiasieg. Chapeau! Ganz großes Kompliment!

 

Der Blick in die olympischen Annalen zeigt dieses Bild: Teamgold für die Briten gab’s 1956 in Stockholm, 1968 in Mexiko, 1972 in München und jetzt in Tokio. Ich bin ganz sicher, dass die Queen, vielleicht der größte Fan der alten und modernisierten Military, heute vor dem Fernseher saß, um mitzuerleben, was in ihrem Lieblingssport vor sich geht. Es würde mich nicht wundern, wenn Chris Bartle demnächst im Buckingham Palast zum Ritter geschlagen werden würde.

 

Hans Melzer zeigte sich indessen zufrieden mit dem vierten Platz seiner Truppe. In der Pause zwischen Team- und Einzelspringen stand er, was verständlich ist, ganz unter dem Eindruck, dass Julia Krajewski auf ihrer Amande das Gold zum Greifen nahe hatte. Und auch, dass Michael Jung mit FischerChipmunk eine feine Nullrunde gezeigt hat. Ebenso Sandra Auffarth mit ihrem Viamant du Matz. Bei der kritischen Analyse und Auswertung, wenn man wieder daheim ist, wird gewiss darüber zu sprechen sein, dass Sandra Auffarth, alles in allem, ihre Nominierung für Tokio nicht gerechtfertigt hat. 56,50 Punkte und Platz 31 – das war für eine Reiterin wie sie leider zu wenig!

 

Mein Fazit: Große Tage waren das in Tokio. Schon bald sind sie nurmehr schöne Geschichte. Demnächst gibt’s Vielseitigkeit in der Aachener Soers, gleich danach die EM in Avanches. Ich bin gespannt, wer dort für Deutschland sattelt. In drei Jahren schon findet Olympia in Paris statt. Bei unseren Buschreitern unter ihrem neuen Trainer Peter Thomsen ist ein Neuaufbau fällig. Junge Reiter und Pferde müssen ihre Chancen bekommen. Unser Freund Chris Bartle wird nicht ruhen, bis er alle Championate beherrscht. Seine Chancen stehen gut!

 

Thomas Borgmann für reitturniere.de

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