Borgmann's Blog vom 3. Juni: So langsam wird’s brenzlig…

Foto: Thomas Borgmann - Fotograf: Stefan Lafrentz

Foto: Thomas Borgmann - Fotograf: Stefan Lafrentz

Eigentlich haben wir alle miteinander einen triftigen Grund zu feiern: Die saublöde Pandemie klingt endlich ab, hoffentlich führen Unvernunft und Rücksichtslosigkeit nicht zu neuem Aufflammen. Es wird endlich wieder geritten: an diesem Wochenende bei der „Deutschen“ in Balve, sodann in St. Gallen und in Valkenswaard. Sieben Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele, die wohl stattfinden werden, dürfen auch wieder Zuschauer auf die Turnierplätze. Das lässt sich, alles in allem betrachtet, recht gut an.

 

Zugegeben, man darf jetzt, da die Pandemie von Tag zu Tag weiter abklingt, durchaus der Ansicht sein, dass es besser wäre, auf die Spiele in Tokio zu verzichten: Die japanische Bevölkerung, zumal die Einwohner von Tokio und seiner Region, votieren mit großer Mehrheit dagegen. Das ist ihr gutes Recht. Sie fürchten, dass die Gäste aus aller Welt vielerlei Viren und Mutanten einschleppen – die Regeln, die wiederum diese Gäste einhalten müssen, verheißen nichts Gutes: Ein unbeschwertes Fest, zu dem sich „die Jugend der Welt“, wie es so schön heißt, friedlich und heiter trifft, wird es wohl kaum geben. Die olympische Idee, einst als Frieden stiftende Idee geboren, hat in den letzten Jahren schwere Dämpfer erfahren – die Akzeptanz gegenüber einem mitunter haarsträubenden Kommerz, gegenüber dem Missbrauch der Friedensidee durch Diktatoren und eiskalte, weltweit agierende   Medienkonzerne wird immer geringer. Auch bei uns in Deutschland haben sich die Bürger, man erinnere sich an Hamburg und an Garmisch, mehrheitlich gegen Olympia ausgesprochen. Der Spitzensport hat einen Großteil seiner Glaubwürdigkeit verloren. Gerade in diesen Tagen, da die Fußball-EM vor der Tür steht, fragen sich viele, ob es klug und weise war, die Fußball-WM 2022 ausgerechnet nach Katar zu vergeben.  Ob im knallharten Weltsport alles mit rechten Dingen zugeht – man darf es bezweifeln, ja man muss es bezweifeln!

 

Schaut man auf unseren Pferdesport, spürt man, dass es im Blick auf Tokio ziemlich brenzlig wird – sichere Medaillenanwärter fallen aus: Simone Blum, die Weltmeisterin, deren Alice operiert werden musste, hat bisher nicht viel gehabt von ihrem WM-Titel 2018 in Tryon. Das war Pech. Auch Ingrid Klimke klebt das Pech an den Stiefeln: Erst ist ihre Dressurhoffnung Franziskus ausgefallen, dann ihre VS-Hoffnung Asha. Vergangenes Wochenende in Baborowko ist sie mit Cascamera schwerer gestürzt, als vor Ort angenommen – nix Tokio! Sönke Rothenberger hat seinen Cosmo nicht in Olympiaform gebracht, auch das ist sehr schade!

 

Unsere drei Bundestrainer sind nicht zu beneiden: Nur gut, das Dorothee Schneider nach ihrem tragischen Unfall in Pforzheim nun rechtzeitig wieder reiten kann. Sie wird wohl mit Isabell Werth und Jessica von Bredow-Werndl das Team bilden. Hans Melzer indessen hat es schwerer: Michael Jung, gottlob in Topform, ist gesetzt. Sandra Auffarth konnte bis dato noch nicht restlos überzeugen. Wer überzeugt demnächst in Luhmühlen? Wer werden die drei Auserwählten sein?

 

Auch Otto Becker hat’s nicht leicht. Daniel Deusser darf man als gesetzt einstufen. Nun fällt der Blick auf André Thieme, der ein Klassepferd unter dem Sattel hat. Aber selbst für einen so abgeklärten Profi wäre es eine Herausforderung, bei Olympia zu debütieren. Vergessen wir nicht: Die neuen Olympiaregeln sagen, dass ein Team nur noch aus drei Reitern besteht, Streichresultate gibt’s nicht mehr. Gefragt sind also mutige, selbstbewusste Ankommer, vor allem im Gelände, aber auch im Parcours. Und gefragt sind drei Aktive, die sich dazu bereit erklären, die undankbaren Rollen der Reservereiter zu spielen. Es herrschen spannende Zeiten!

 

Thomas Borgmann für reitturniere.de

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