Borgmann's Blog vom 7. Oktober: Wer zu spät kommt, den…

Foto: Thomas Borgmann - Fotograf: Stefan Lafrentz

Foto: Thomas Borgmann - Fotograf: Stefan Lafrentz

Eric Lamaze war lange krank. Der kanadische Olympiasieger von Hongkong 2008 hatte einen Hirntumor, wusste lange nicht, ob er jemals wieder würde reiten können – jetzt sitzt er wieder im Sattel, was man ihm von Herzen gönnt. Vor kurzem hat er sich, ein knappes Jahr vor den Reiterspielen in Tokio, kritisch zu Wort gemeldet: „Wir Reiter sollten die Spiele boykottieren, um klar und deutlich zu sagen: Wenn ihr das nicht ändert, kommen wir nicht!“ Was meint er damit? Eric Lamaze hat leider erst jetzt bemerkt, dass es in Tokio für Springen, Dressur und Vielseitigkeit eine neue Grundregel gibt: Alle Equipen bestehen nur noch aus jeweils drei Aktiven – das alte Streichresultat gibt’s bei Olympia nicht mehr! Für Pferde, die ausfallen, besteht eine komplizierte Hilfskonstruktion, von der keiner weiß, ob und wie sie in der Praxis funktioniert – getestet hat man sie nicht.

 

Tatsache ist: Diese neue Dreier-Regel, so wollen wir sie mal nennen, ist gar nicht so neu, wie Leute unter fünfzig  glauben könnten. Die Olympischen Spiele der Nachkriegszeit, bis hinein in die siebziger und achtziger Jahre, kannten zunächst einmal nur Dreier-Teams ohne Streichresultat – nach und nach wurde das geändert, die vernünftige Regelung mit vier Reitern und dem Streichresultat eingeführt. Erinnern wir uns an das berühmteste Beispiel: Als es am 17. Juni 1953 in Stockholm um das olympische Jagdspringen ging, trat der im ersten Umlauf verletzte HG Winkler mit seiner Halla nur deshalb zum zweiten an, weil er sein Team, zu dem noch Fritz Thiedemann und Alfons Lütke-Westhues gehörten, nicht im Stich lassen wollte. Ansonsten wären die Medaillenchancen futsch gewesen. Aus diesem und vielen anderen Beispielen bis hinein in die sechziger und siebziger Jahre führte man die vernünftigen Regeln mit dem Streichresultat ein. Sie haben sich bewährt (und bleiben für die Nationenpreise auch weiterhin bestehen, wie man am Wochenende in Barcelona gesehen hat).

 

Bei den Spielen von Rio hat Ludger Beerbaum vor der Presse nach dem Nationenpreis als Erster laut und deutlich Kritik geübt an der geplanten Abschaffung des Streichresultats! Breiter Applaus von fast allen – nur die US-Equipe rührte keine Hand! Vor einem Jahr in Tryon hat McLain Ward gegenüber Marcus Ehning seine Ablehnung revidiert. Immerhin. Protestiert haben inzwischen auch andere, etwa Steve Guerdat, seit geraumer Zeit die Nummer eins der Weltrangliste.

 

Eines freilich wird jetzt immer deutlicher: Der häufig gehörte Hinweis, das IOC, also das Internationale Olympische Komitee, verlange von den Reitern „more flaggs“, also mehr Flaggen, sprich: mehr Nationen, stimmt überhaupt nicht! Fakt ist: Die FEI, also der Reiterweltverband selbst, war die treibende Kraft dahinter. Hört, hört! In den kritischen Debatten, die die Reiter mit dem FEI-Präsidenten Ingmar de Vos in den letzten Wochen geführt haben, hat der eine äußerst merkwürdige Position bezogen: Man müsse, so wiegelt der Belgier ab, in Tokio eben nur  mal so schauen, wie die neuen Regeln wirken, danach könne man ja wieder zum alten Reglement zurückkehren. Da kann man nur den Kopf schütteln!

 

Wie sagte im Herbst 1989 Michael  Gorbatschow zu Erich Honecker: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“ Dieses historische Zitat müssen sich jetzt leider alle unsere internationalen Spitzenreiter anhören. Vier Jahre hätten sie Zeit gehabt, um massiv Front zu machen gegen den offenkundigen Unsinn, aber nix geschah. Und noch etwas: Der Internationale Springreiterclub hat vor einem Jahr ausgerechnet den Iren Cian O’Connor zu seinem Präsidenten gewählt – jenen  Olympiasieger von Athen 2004, der seine Goldmedaille abgeben musste, weil sein Pferd gedopt war. Vor wenigen Wochen ist O’Connor zurückgetreten – weshalb auch immer. Er hat wohl gespürt, dass er der falsche Mann am falschen Platz ist. Im Blick auf Tokio, ein knappes Jahr davor, stehen nicht nur die Springreiter vor einem Scherbenhaufen!

 

Thomas Borgmann für reitturniere.de

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