Borgmann's Blog vom 10. Oktober: Ein schwäbischer Reiterverein der alten Schule

Foto: Thomas Borgmann - Fotograf: Stefan Lafrentz

Foto: Thomas Borgmann - Fotograf: Stefan Lafrentz

Man kommt zum Turnier und traut seinen Augen kaum – es gibt tatsächlich noch das gute alte Programmheft! Sein Herausgeber vermerkt auf der Titelseite ganz oben sein stolzes Selbstvertrauen kurz und knapp: „107 Jahre Reitverein Reutlingen e.V.“ Einst galt die von der Textilindustrie geprägte Stadt am Fuß der Schwäbischen Alb als der Wohnort der meisten deutschen Millionäre auf engstem Raum. Das ist Vergangenheit – unvergessen bleibt jedoch die Gruppe der Aktiven, die diesen klassischen, städtisch geprägten Reiterverein weithin bekannt gemacht haben: Etwa die Gebrüder Dietmar und Herbert Näher, die Dressurreiterin Ina Kathrin Schmid, weitaus früher der noble Meinrad von Lauchert und seine attraktive Tochter Alexa, der Springreiter Thomas Betz und, nicht zu vergessen, der legendäre Reitlehrer Fred Roschmann, dessen Sohn Friedl heute gemeinsam mit dem rastlosen Gotthilf Riexinger die beachtlichen Dressurtage auf die Beine stellt.
 
Apropos Gotthilf Riexinger. Der 72-Jährige, im Corona-Jahr 2020 nicht gar so häufig weltweit unterwegs wie sonst, übernahm kurzerhand das durch die Absage des Stuttgart German Masters vakante Finale im attraktiven IWEST-Cup. Sponsoren und Gönner lassen diesen umtriebigen Macher nicht im Stich. Das tat heuer auch Isabell Werth nicht, die ihrem Freund Gotthilf vor einem Jahr fest versprochen hatte, beim dritten Grand-Prix-Turnier anno 2020 mit von der Partie zu sein. Ihre Schülerin Lisa Müller steuerte ihren Transporter nach Trainingstagen in Rheinberg auf der Rückreise gen Bayern ebenfalls zum Reutlinger Turnier, wo sie den Hengst Santiago sattelte, mit dem sie freilich erst noch zusammenwachsen muss. Ihr Mann, der populäre Bayernspieler Thomas Müller, genoss während der Länderspielpause sichtlich die entspannt-ländliche Atmosphäre. Trotz der Unbilden durch die wieder anwachsende Pandemie tragen diese Dressurtage den Charakter eines Familienfestes – ohne dass man die vernünftigen Sicherheitsmaßnahmen außen vor lässt. Im Gegenteil. Bis zu 500 Pferdefreunde, alles in allem gezählt, dürfen die Reutlinger Anlage im Vorort Gönningen zugleich betreten. Das Turnierteam um Roschmann und Riexinger hat alles im Griff. Madeleine Winter-Schulze, die Isabell Werth wie stets begleitet, sagt es so: „Hier ist ja wirklich sehr schön!“ Noch Fragen? Nein, nur dies zum Thema schwäbisches Selbstvertrauen: Gotthilf Riexinger persönlich schnappte sich vor Turnierbeginn weiße Farbe und tünchte die etwas ergraute kurze Seite der Reithalle mit eigenen Händen! Der Mann ist halt auch alte Schule – im besten Sinne!
 
Thomas Borgmann für reitturniere.de

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