Borgmann's Olympia Blog #32: Moderner Fünfkampf: Täglich neue Fakten – hanebüchen!

Foto: Thomas Borgmann - Fotograf: Stefan Lafrentz

Foto: Thomas Borgmann - Fotograf: Stefan Lafrentz

Seit dem Ende der Olympischen Spiele in Tokio vergeht kein Tag, an dem nicht immer neue Fakten und Details zum Springreiten beim Modernen Fünfkampf ans Tageslicht kommen. Die Fotos, Videos und Interviews, die die Berlinerin Annika Schleu und das ihr zugeloste Pferd Saint Boy zeigen, gehen in den Medien tatsächlich um die Welt. Die Reiterin sieht sich als Opfer der misslichen Umstände – Gegner des Reitsports ergehen sich in Hetze gegen alle, die sich mit Pferden beschäftigen. Den Emotionen lässt man freien Lauf – Hauptsache, es werden alle alten Vorurteile hervorgeholt und aufgewärmt.

 

Heute nun finden wir in der Münchner Tageszeitung „Merkur“ ein Interview mit Patrick Dogue, einem Mitglied des deutschen Fünfkampfteams. Der 29-Jährige belegte in der Herrenkonkurrenz Platz 20. Was Dogue als Interna berichtet, verursacht mir – und gewiss vielen anderen – Kopfschütteln!

 

Patrick Dogue sagt: „Wir haben bei den Spielen in London 2012 und Rio 2016 das mögliche Gold verloren, weil wir beide Male das Reiten verkackt haben. Deshalb habe wir gebeten, dass uns heuer ein Reittrainer zum Wettkampf begleitet. Das hat unser Verband abgelehnt!“

 

Aber es kommt noch besser. Patrick Dogue sagt: „Verantwortlich für die schlimmen Bilder, vor allem im Wettbewerb der Frauen, sind die Organisatoren, die den Wettkampf auf ein zu hohes Niveau gehoben haben. Außer bei Olympia hat der Verband nie die finanziellen Möglichkeiten für Pferde, die über 1,20 Meter hohe Hindernisse springen können, was viele von uns im Vorfeld gar nicht trainieren können. Bei den sonstigen Wettkämpfen sind die Hindernisse um 15 Zentimeter niedriger. Da springt bei Olympia schon mal die Angst mit!“ Und weiter: „Der Aufwärmplatz war weit außerhalb des Stadions. Pferde sind Herdentiere. Sie haben sich am Abreiteplatz wohlgefühlt. Doch dann wurden sie durch einen dunklen Tunnel ins hell erstrahlte Stadion geführt. Ist doch klar, dass sie den Drang haben, sofort zurück zu wollen.“

 

Ich wiederhole nochmal zum Mitdenken und zum Mitschreiben: Die deutschen Fünfkämpfer reisten ohne Reittrainer zu den Olympischen Spielen! Das muss man sich mal vorstellen – etwa so, als blieben Monica Theodorescu und Jonny Hilberath daheim, oder Otto Becker und sein Team, oder das Team um unsere Buschreiter. Die Bundestrainerin der Fünfkämpfer, Kim Raisner, ruft ihrer Athletin zu: „Hau drauf!“ Jeder weiß, das seriöse Reitlehrer nie und nimmer „Hau drauf!“ schreien würden. Aber es kommt noch besser: Die deutschen Fünfkämpfer wissen, dass der Parcours in Tokio mit Hindernissen aufwartet, die bis zu 1,20 Meter hoch sind – dieses Niveau aber haben die Fünfkämpfer daheim gar nicht trainiert, weil ihnen die Pferde dazu fehlen! Für meine Begriffe ist das absurd, mal ganz abgesehen davon, dass es höchst gefährlich ist. Und jetzt noch dies: Offenkundig reiten unsere besten Fünfkämpfer etwa zweimal die Woche, Pferde, die dem Verband gehören. Das ist absurd! Wenn doch ihr Sport verlangt, dass man sich binnen zwanzig Minuten auf ein völlig fremdes Pferd einstellt, dann muss doch das Training darin bestehen, so viele verschiedene Pferde zu reiten wie nur irgend möglich! Dafür müsste der Verband sorgen. Und wenn unsere Fünfkämpfer schon am Gold schnuppern, sie aber jedes Mal das Reiten „verkacken“ wie Patrick Dogue einräumt, dann braucht’s halt Geld, um das Reiten von einer lästigen und riskanten Pflichtübung zu einer Stärke der Aktiven zu machen.

 

Und noch etwas: In den unendlichen Weiten des Internets tauchen jetzt Hinweise auf, dass das Pferd Saint Boy die Zäumung nebst Gebiss eines Polopferdes trug! Da stockt mir der Atem! Anders gesagt: Wenn Annika Schleu und Bundestrainerin Kim Raisner auch nur den Schimmer einer Ahnung hätten, dann wäre ihnen das aufgefallen – schon beim verkorksten Ritt ihrer russischen Vorgängerin. Einem erfahrenen Reittrainer wäre dies womöglich aufgefallen. Hier zeigt sich, dass der Verband der Fünfkämpfer an der völlig falschen Stelle spart – auf Kosten seiner Aktiven und im aktuellen Fall auf Kosten des gesamten Reitsports. Wer solche eine Politik betreibt, der gehört abgesetzt! Aus den Fünfkämpfern, die seit langer Zeit als „die Reiter mit der eisernen Hand“ gelten, werden in diesem Jahrtausend keine souveränen Reiter mehr. Also raus mit dem Reiten aus dem sogenannten Modernen Fünfkampf!

 

Noch ein Lesetipp: Wer wissen möchte, wie fadenscheinig Annika Schleu versucht, sich zum Opfer zu stilisieren, dem sei die Lektüre der heute erschienenen Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ empfohlen, in der es ein seitenlanges Interview mit ihr gibt. Da kann man nur sagen: Aus erlittenem Schaden und eigenen Fehlern leider nichts gelernt! Die kritischen Punkte, die ihr Teamkamerad Patrick Dogue vorbringt, verschweigt Annika Schleu!

 
Thomas Borgmann für reitturniere.de

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