Borgmann's Blog vom 16. Januar: Alles Müller oder was?

Foto: Thomas Borgmann - Fotograf: Stefan Lafrentz

Foto: Thomas Borgmann - Fotograf: Stefan Lafrentz

Seit Tagen tobt der Boulevard. Er schlägt sich vor Vergnügen auf die Schenkel, klatscht wie wild in die Hände, kreiert die tollsten Schlagzeilen, möchte am liebsten gar nicht mehr aufhören – so einen Hype hatten wir lange nicht mehr! Die Müllers in Tokio für Deutschland: Thomas in den Kickstiefeln, Lisa in den Reitstiefeln! Die Fakten spielen gar keine Rolle, selbst wenn der knitze Thomas selbst von „cooler Spinnerei“ spricht. Der Mann weiß ganz genau, wie man dem Affen Zucker gibt. Wo er in der Zeitung steht, gibt’s schon keinen Platz für irgendwelche anderen. Der Boulevard liebt diesen urbayerischen Gaudiburschen nicht erst seit letzter Woche. Was er sagt oder was er nicht sagt – allemal eine kunterbunte Geschichte.

 

Wer mitten in diesem Hype auf die reinen Fakten verweist, der läuft Gefahr, als Spielverderber mitten im Shitstorm zu landen. Ich wag’s hier und heute trotzdem. Fakt ist: Lisa Müller hat im November in der Schleyerhalle gut geritten. In der Bild-Zeitung, wo man mitunter die Tatsachen nicht gar so streng sieht, stand zu lesen, sie habe in Stuttgart den Weltcup gewonnen. Doch knapp daneben ist auch vorbei: Es war der Grand Prix in der klassischen Tour, quasi die Qualifikation zum Finale um den German Master, wo „Standi“, wie sie ihren Stand by me nennt, am Ende Dritter wurde. An der Weltcuptour hatte sie gar nicht teilgenommen.

 

Wenig später gab’s für Lisa Müller die verdiente Aufnahme in den Perspektivkader. Auch das versteht der Boulevard in diesen Tagen nur allzu gerne völlig falsch: Mit „Perspektive“ ist in diesem Falle nicht zwingend der Start bei den Olympischen Spielen in Tokio gemeint, sondern die gezielte Förderung der Aktiven und ihrer Pferde in die fernere Zukunft. Schließlich bleibt das, was die Bundestrainerin mir in Stuttgart gesagt hat: „Ich möchte Lisa und ihren Standi bei der deutschen Meisterschaft in Balve sehen. Und wenn’s dort gut läuft, bekommt sie einen Startplatz in Aachen." Wichtig zu wissen: Für Lisa Müller wär’s ihr Debüt in der Soers – aber gut aufgepasst: Nicht für Deutschland in der fünf-Sterne-Tour mit dem Preis der Nationen, sondern eine Treppe tiefer, also „nur“ in der Vier-Sterne-Tour. Lisa Müller, deren Oldenburger Stand by me wirklich ein Kracher ist, wär’s von Herzen zu gönnen, wenn sie diesen Karriereschritt nach oben schaffen könnte. Doch mit Tokio, liebe KollegInnen vom Boulevard, hätte das alles rein gar nichts zu tun. Andersherum: Sollte unser Olympiakader derart schwächeln, dass Lisa Müller in Tokio einen der drei Startplätze bekommt, so wär’s um die Medaillenchancen nicht allzu gut bestellt. Auch sie selbst sieht das realistisch: „Wir wollen den Ball flach halten“, hat sie gesagt. Richtig. Ob ihr Thomas am Ende für Deutschland kickt bei mehr als vierzig Grad – schaun mer mal. Der Ball bleibt rund.

 

Thomas Borgmann für reitturniere.de

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