Borgmann’s Blog vom 16. Dezember: Nachdenken über Totilas

Foto: Thomas Borgmann - Fotograf: Stefan Lafrentz

Foto: Thomas Borgmann - Fotograf: Stefan Lafrentz

Zwanzig Jahre ist er alt geworden,  dieser Tage ist er an den Folgen einer Kolik eingegangen: Totilas, der wunderschöne Rapphengst aus der niederländischen Zucht, ohne Zweifel ein charismatisches Pferd. Über ein Jahrzehnt lang hat dieser Hengst für Schlagzeilen gesorgt, hat bei all seinen Auftritten für Aufsehen gesorgt, bleibt vielen in Erinnerung als eine besondere Kreatur. Doch wenn wir vor uns selbst ganz ehrlich sind: Totilas war für seine Reiter, seine Besitzer und seine vielen Fans in allererster Linie eine Projektionsfläche. Der Hengst wurde überhöht, nicht zuletzt von den bunten Blättern, vom Boulevard. Prädikate wie „Wunderhengst“ oder „teuerstes Dressurpferd der Welt“ halten sich bis heute hartnäckig. Dabei wissen doch  Pferdeleute genau, dass es gar keine Wunderpferde gibt. Und in der Szene ahnt man zumindest, dass das mit dem teuersten Dressurpferd einer kritischen Untersuchung sehr wahrscheinlich nicht standhält. Bis heute haben weder Paul Schockemöhle, noch Ann Katrin Linsenhoff bestätigt oder dementiert, dass sie an die niederländischen Vorbesitzer, das Ehepaar Visser, tatsächlich zwischen acht und zehn Millionen Euro überwiesen haben. Übrigens, als Totilas vor zehn Jahren nach Mühlen verkauft wurde, gab’s für die Vissers in ihrem Land derart wüste Morddrohungen, dass sie für einige Jahre nach England emigriert sind, um sich zu schützen. Eine krassere Projektion, fast eine Obsession lässt sich nicht denken.

 

Bleiben wir ehrlich: Totilas ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich der Dressursport auf höchster Ebene entwickelt hat in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten. Edward Gal hat den Hengst ausgebildet, ihn an die Weltspitze geführt; beim Verkauf ist er nicht leer ausgegangen. Seine Besitzer hatten Paul Schockemöhle vertraglich ein Vorkaufsrecht eingeräumt. Als der dann zugriff, hatte er eigentlich Isabell Werth als Reiterin im Auge – die aber lehnte noch bei der WM 2010 in Kentucky ab: „Ich reite nur Pferde, die ich selber ausgebildet habe.“ Kurz darauf bekam Totilas eine eigene Internetseite und einen eigenen Pressesprecher, sein markanter Kopf zierte Tassen und Jacken. Später räumte Schockemöhle selbstkritisch ein: „Mit Totilas war von Anfang an der Wurm drin!“
2015 bei der EM in der Soers schickten sein Reiter Matthias Rath, seine Besitzer sowie die verantwortlichen Trainer und Funktionäre den Hengst in den Wettkampf, obwohl er bereits auf dem Abreite- und dem Sattelplatz nicht taktrein ging. Matthias Rath blamierte sich, als er vor Kameras und Mikrofonen sagte: „Ich war so auf meinen Ritt fokussiert, dass ich es gar nicht bemerkt habe.“ Es war für Totilas sein letzter Auftritt auf der großen Bühne des Sports. Selbst wenn diese Wahrheit manch einem wehtun mag: Die Menschen haben Totilas überhöht und ihn damit überfordert! Ob sie daraus lernen, ob sie ihre vernünftigen Konsequenzen ziehen, wäre zu wünschen – sicher ist es leider nicht. Nun, Totilas bleibt uns allen im Blickfeld, denn mehr und mehr zeigen sich seine Nachfahren auf dem Viereck. Hoffentlich bleibt diesen Pferden Totilas Schicksal erspart!

 

Thomas Borgmann für reitturniere.de

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