Borgmann's Blog vom 19. März: Klare Worte aus der Leichtathletik

Foto: Thomas Borgmann - Fotograf: Stefan Lafrentz

Foto: Thomas Borgmann - Fotograf: Stefan Lafrentz

Den Namen Clemens Prokop kennen in Reiterkreisen nur wenige. Der heute 62-Jährige leitet das Amtsgericht in Regensburg, schaffte als junger Weitspringer immerhin 7,93 Meter und war von 2001 bis 2017 der Präsident aller deutschen Leichtathleten. Als Freund klarer Worte bekannt, wenn auch nicht überall beliebt, kritisiert Clemens Prokop heute in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung den IOC-Präsidenten Thomas Bach scharf: „Ich halte ihn als Krisenmanager für ungeeignet, weil er nicht die erforderlichen Entscheidungen trifft. Die Herren der Ringe müssten ehrlich und im Sinne der Athleten handeln. Durch die aktuelle Taktiererei nähren sie doch nur das Vorurteil, dass sie vor allem unter wirtschaftlichen Aspekten entscheiden.“

 

Auf die Frage, was im Sinne der Athleten jetzt zu tun wäre, antwortet Clemens Prokop: „Endlich auszusprechen, dass die Verlegung der Olympischen Spiele alternativlos ist. Das IOC müsste mit Tokio darüber verhandeln, ob die Stadt 2021 oder 2022 Gastgeber der Spiele sein kann. Wenn nicht, müsste es für 2020 einen anderen Ausrichter geben.“ Im Blick auf die deutschen Leichtathleten, sagt Clemens Prokop: „Ich kenne viele Athleten, bei denen herrscht die pure Verzweiflung, weil ihre Sportstätten geschlossen sind, weil die anstehenden Qualifikationen für Tokio nicht mehr verantwortungsvoll organisiert werden können. Es wird in den nächsten Monaten kein Marathon mehr stattfinden – wo soll ein Marathonläufer seine Qualifikationszeit laufen?“

 

Soweit Clemens Prokop, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Weshalb zitiere ich diesen Mann hier und heute? Ganz einfach: So arg weit entfernt von den Leichtathleten sind die Reiter nicht. Die Corona-Krise zwingt dazu, den Turniersport praktisch auf null herunterzufahren. Gerade heute gibt’s die Absage der Vielseitigkeit in Marbach, auf Radolfzell ist abgesagt – zwei Plätze, auf denen viele Buschreiter in die olympische Saison starten wollten. Stattdessen ist Heimtraining angesagt: Gerade heute weilt Bundestrainer Hans Melzer bei Michael Jung in Horb, um zu beratschlagen, wie der Titelverteidiger die nächsten Wochen gestalten könnte.

 

Aber es trifft ja nicht nur die Buschreiter: Selbst wenn sich hie und da wichtige Turnierveranstalter noch bedeckt halten, erkennbar auf Zeit spielen – das Jubiläumsderby in Hamburg ist (Stand heute) ebenso gefährdet wie die Deutschen Meisterschaften in Balve. Auch für die Aachener und ihr „Tschio“, das Anfang Juni geplant ist, kann es ziemlich eng werden. Und nicht zuletzt für die Spiele von Tokio.

 

Auch was Ökonomie betrifft, wäre den Reitern zu raten, anstatt in die ausgedünnten Sportseiten der Zeitungen mal intensiv in den Wirtschaftsteil zu schauen. Etwa in die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Unter der Überschrift „Ausverkauf am Schweizer Aktienmarkt“ lesen wir da: „Die Corona-Krise spielt den Schweizer Uhrenherstellern übel mit. Der Aktienkurs der Swatch-Gruppe liegt heute (18. März) um 40 Prozent niedriger als zum Jahreswechsel.“ Der Reitsportsponsor Longines zählt bekanntlich zur Swatch-Gruppe. Sein Hauptkonkurrent Rolex, seit Jahren im beinharten Sponsorenwettstreit mit Longines, hat laut FAZ „am Dienstag seine Werke in Genf, Biel und Crissier bis zum 27. März geschlossen“. Der Firmenchef hat an seine Mitarbeiter geschrieben: Es sei eine „sehr ernsthafte Lage“.

 

Das ist keine Schwarzmalerei und auch keine Effekthascherei – das sind die Fakten! Gut möglich, dass es im Sport mit den Pferden so bald nicht mehr werden wird wie es einmal war!

 

Thomas Borgmann für reitturniere.de

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