Borgmann's Blog vom 24. Juli: Die Krise als Chance

Foto: Thomas Borgmann - Fotograf: Stefan Lafrentz

Foto: Thomas Borgmann - Fotograf: Stefan Lafrentz

Addi Furler, der legendäre Sportschau-Moderator vom WDR, Erfinder der Wahl zum „Galopper des Jahres“, hätte seine helle Freude: Rennsport im Fernsehen! 1995 ist Addi Furler von der TV-Bühne abgetreten, 2000 starb der passionierte Traberzüchter und Sulkyfahrer. Seitdem führt der Galoppsport im öffentlich-rechtlichen wie im privaten Fernsehen nicht einmal mehr ein Schattendasein – es gibt ihn schlicht und einfach nicht mehr. Wer über sechzig ist, der erinnert sich: Damals war dank Adi Furler die Wahl zum „Galopper des Jahres“ eine eigene, starke Marke neben den Wahlen zum „Sportler des Jahres“. Immerhin jetzt, mitten in der Corona-Krise, kehrt der Rennsport überraschend auf den Bildschirm zurück: im Privatsender Sport1, der normalerweise zu neunzig Prozent dem Fußball huldigt. Mit der Übertragung des Deutschen Derbys in Hamburg-Horn haben die Münchner TV-Macher angefangen, danach ging’s nach Köln und Hoppegarten. Morgen und am Sonntag, jeweils ab 15 Uhr, überträgt Sport1 live die Renntage in Hannover. Die Sendungen sind, Kompliment an die Kollegen, informativ und unterhaltsam  gemacht, der Fußballreporter Hartwig Thöne stellt als versierter Journalist die richtigen Fragen, der Fachmann Sascha Multerer antwortet. Auf den Bahnen gibt’s gleich nach dem Zieleinlauf erste Interviews mit den Jockeys – das schaffte seinerzeit nicht mal Addi Furler. Zugegeben, aus reiner Nächstenliebe unternimmt Sport1 diese Anstrengungen nicht: Es läuft kräftig Werbung und via Internet soll der geneigte Wetter von Rennen zu Rennen ein paar Euro riskieren. Der deutsche Galopprennsport kann’s gut gebrauchen, hat es bitter nötig. Wer steckt hinter dieser neuen Linie, die die Corona-Krise als Chance begreift? Michael Vesper, einst grüner Minister in NRW, danach Vorstandschef  beim DOSB, ist seit einiger Zeit der maßgebliche Mann an der Spitze aller deutschen Galopper. Vesper ist das, was man einen Netzwerker nennt. Und der Rennsport profitiert davon. Allerhand Medien, die lange Zeit keine Zeile übrig hatten für die „Rennerei“, wie es abschätzig heißt, widmen sich nun mit Hingabe den rassigen Vollblütern und ihrem Umfeld. Schade, dass sie den Untergang der Rennbahn in Frankfurt-Niederrad nicht verhindern konnten oder wollten! Dort baut jetzt der DFB sein neues Bundeszentrum. Gegen den Fußball ist hierzulande halt kein Kraut gewachsen. Also nicht vergessen: Morgen und am Sonntag Sport1, jeweils um 15 Uhr.

 

Thomas Borgmann für reitturniere.de

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