Offener Leserbrief von Anne Melzer zum Artikel von Thomas Borgmann in der Stuttgarter Zeitung

 

Sehr geehrter Herr Borgmann,

 

mit großem Erstaunen und zunehmender Verärgerung habe ich Ihren Artikel über die Vielseitigkeitsprüfung der Weltreiterspiele in Tryon gelesen.

 

Ihre Berichterstattung empfinde ich als unsachlich, unfair und teilweise schlicht falsch.

Sicher ist, dass alle Beteiligten sich ein besseres Ergebnis gewünscht hätten.

 

Wer die Athleten und Trainer kennt, weiß, dass sie sich keiner sachlichen Kritik entziehen und gewiss macht sich niemand mehr Gedanken um die Geschehnisse, als die Beteiligten selbst.

 

Der Teamgeist und der Zusammenhalt des gesamten deutschen Teams  im Vielseitigkeitslager inklusive aller Betreuer war nicht nur in Tryon  hervorragend - jeder, der hier vor Ort war, hat es live miterleben können.

Von „die Chemie stimmt zwischen den Aktiven nicht“ ist nichts zu bemerken - das ist eine falsche Wahrnehmung Ihrerseits.

 

Es ist richtig, dass Hans (Melzer) Michi (Jung) im Vorfeld gefragt hat, ob er das Gelände mit den Aktiven abgeht. Wenn aber seine Reiter die Aufgaben der Geländestrecke mit ihm als Bundestrainer, und darüberhinaus mit allen Teamkollegen gemeinsam analysieren und danach für sich einen klaren Weg gefunden haben ist dies doch zu akzeptieren.

 

Dibo, Ingrid, Julia, Kai und Sandra sind allesamt erfahrene Reiter, die seit Jahren erfolgreich und eigenverantwortlich ihr Turniermanagement betreiben. Wir reden hier nicht über Championatsneulinge oder sehr junge, unerfahrene  Athleten.

 

Überdies waren die Geländerunden gut bis sehr gut – bis auf Julia natürlich – aber hätte sie den Vorbeiläufer nicht gehabt wären die Deutschen mit 16 Punkten Vorsprung vor den Engländern ins abschließende Springen gestartet! Natürlich hätten sich alle im Nachhinein weniger Zeitfehler im Gelände gewünscht – aber wir reden hier immer noch über 3 Runden ohne Hindernisfehler und vier Mannschafts-Pferde, die gesund aus dieser Prüfung nachhause gekommen sind ...

 

Ingrids Aussage:“ Wir haben auch schon ohne Michi gewonnen“, ist absolut korrekt und ist nicht als Abwertung der Leistungen eines Michael Jung zu werten, wie es in Ihrer Darstellung erscheint.  Dass dieser mit seinen herausragenden reiterlichen Qualitäten immer eine sichere „Bank“ im deutschen Team ist,  ist  fraglos richtig und alle - Trainer und Reiter - hätten ihn nur zu gern in Tryon im deutschen Team gesehen.

 

Dennoch gibt es auch Erfolge wie den WM-Mannschaftstitel 2006 in Aachen und das Doppelgold bei der Olympiade 2008 in Hongkong  (die aberkannte Medaille in Athen war sportlich ebenfalls ein Erfolg!) , bei denen Deutschland nicht mit diesem Ausnahmereiter an den Start gehen konnte. Natürlich verzichtet man ungern auf Michi, den absoluten Ausnahmereiter – Michi Jung ist ein Glücksfall für den deutschen Vielseitigkeitssport.

 

Nach einem Turnier, das nicht so erfolgreich abgeschlossen wurde, wie erwünscht, ist es übrigens  immer leicht, Nominierungen zu hinterfragen ...

 

Ihre Aussage, “dass“ Ingrids reiterliche Schwächen im Springparcours immer wieder sichtbar werden“ empfinde ich bestenfalls als schlecht informiert– vielleicht sehen sie sich einmal die Erfolgsstatistik der FN an, in der zahlreiche Siege und Platzierungen der schweren Klasse - in der Dressur, der Vielseitigkeit UND im Springen - dieser ebenfalls herausragenden Reiterin verzeichnet sind.

 

Und war es nicht Ingrid, die 2017 unter großem Druck in Strzegom eine Nullrunde hinlegte und damit Europameisterin wurde? Sie ist im Übrigen seit Jahren für die deutsche Mannschaft ebenfalls ein Erfolgsgarant ...

 

Ein Fehler im abschließenden Springen in Tryon am letzten Sprung ist - besonders für die Reiterin - ärgerlich, traurig und angesichts eines möglichen Titelgewinns einer Weltmeisterschaft eventuell sogar dramatisch, aber sicherlich nicht generell mangelnden reiterlichen Fähigkeiten zuzuordnen. Rang 3 unter den besten Reitern der Welt – eine Leistung , die man als Journalist derartig degradieren muss??

 

Zu Ihrem Zitat: „Mit dem Weggang des genialen Trainers Chris wird es eng für Hans Melzer“: Hans und Chris haben 16 Jahre gemeinsam die deutschen Vielseitigkeitsreiter in die Weltspitze gebracht. Die beiden haben als Trainergespann mit ganz viel Herzblut, Enthusiasmus, Arbeit und Kompetenz Großartiges geleistet. Chris ist selbstverständlich ein absolut genialer Trainer, von dem alle unsere Reiter profitiert haben, aber Hans` Anteil an den Erfolgen ist ebenso groß. Insofern empfinde ich Ihre Darstellung diesbezüglich als missachtend und respektlos seiner Person gegenüber.

 

Journalismus soll informieren, soll und muss kritisch hinterfragen, aber bitte sachlich .

 

 

Anne Melzer

 

 

 

Zum Artikel "Der WM-Titel zum Greifen nah – aber nur Bronze für Ingrid Klimke. Lediglich Rang fünf für das Team. Im Lager der Buschreiter stimmt die Chemie nicht." von Thomas Borgmann

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