Borgmann's EM-Blog vom 30. August: Rodrigo Pessoa sagt der FEI den Kampf an!

Foto: Thomas Borgmann - Fotograf: Stefan Lafrentz

Foto: Thomas Borgmann - Fotograf: Stefan Lafrentz

In dieser Woche wird Riesenbeck der Nabel der internationalen Springreiterei sein. Und es liegt auf der Hand, dass sich viele Gespräche am Rande dieser EM dem gewidmet sein werden, was sich bei den olympischen Spielen in Tokio abgespielt  hat. Der Gesprächsbedarf ist enorm. Passend dazu hat Rodrigo Pessoa für die englischsprachige Internetseite www.worldofshowjumping.com einen langen, ausführlichen Kommentar verfasst – selten zuvor hat sich ein weltweit angesehener Spitzenreiter derart kritisch und schonungslos gegen die Politik des Weltverbandes FEI gewandt! Es geht ihm um die von der FEI gutgeheißenen, zugleich heftig umstrittenen neuen Regeln bei Olympia: die Abschaffung des Streichergebnisses, die Reduzierung der Teams von vier auf nur noch drei Reiter*innen, nicht zuletzt um die Umkehr der Wettkämpfe, also erst das Einzel, danach der Nationenpreis.

 

Sascha Dubach, der Chefredakteur der angesehenen Schweizer „Pferdewoche“, hat sich die lobenswerte Mühe gemacht, Rodrigos bemerkenswerte Kritik ins Deutsche zu übersetzen. Die Lektüre empfehle ich dringend all denjenigen, die an der Debatte  interessiert sind und allen, die mitdiskutieren möchten: www.pferdewoche.ch

 

Einige von Rodrigos Thesen und Kritikpunkten in Stichworten: Schon die Überschrift weist den Weg, wohin der Autor möchte: „Ich hoffe, dass die FEI dieses Mal zuhört.“ Vier Jahre lang, so schreibt Rodrigo, habe man die FEI vor den negativen Folgen der neuen Olympia-Regeln gewarnt – vergeblich. Wörtlich schreibt er: „Niemand brauchte eine Kristallkugel, um zu erkennen, dass dieser Modus eine Katastrophe werden würde. Trotz all der Katastrophen in Tokio hatten wir großes Glück, und das ist auf zwei Faktoren zurückzuführen: Erstens auf den Parcoursbauer Santiago Varela, der eine unglaublich gute Arbeit geleistet hat, und zweitens auf die Pferde und deren Reiter. Trotz des schlechten Formats hätten alle  Topleistungen gezeigt.

 

Als Konsequenz aus den Tokioter Vorgängen fordert Rodrigo für alle Championate und für die Spiele von Paris 2024 ein neues Format: „An erster Stelle steht natürlich das Wohl unserer Pferde! Wir müssen einen Weg finden, die Anzahl der Sprünge zu reduzieren!“ Als aktuelles Beispiel aus Tokio führt er zu recht folgendes an: Die drei  amerikanischen Reiter konnten sich bekanntlich nicht fürs Einzelfinale qualifizieren, ihre Pferde wurden dadurch geschont, während die schwedischen Pferde am Wettkampf teilnahmen. Im Teamfinale siegten die Schweden trotz ihres Nachteils durch das völlig unfaire System! Rodrigo wörtlich: „Was wir in Tokio von den Schweden gesehen haben, werden wir in unserem Leben nie wieder erleben!“

 

Pessoas Forderung: Er verlangt von der FEI, dass sie das Streichresultat wieder einführt, zur alten Regel mit vier Teamreitern zurückkehrt. Als starkes Argument dafür verweist er auf das Pech von Penelope Leprevost, die, in Führung liegend, alles verlor; auch Daniel Deusser, so betont Rodrigo, habe an diesem Tag Pech gehabt. Die Parole von IOC und FEI, nämlich „Mehr Flaggen!“,  weist er strikt zurück. Er verlangt, genau den umgekehrten Weg einzuschlagen: Die Qualifikationen für die olympischen Spiele müssten „viel anspruchsvoller gestaltet“ werden. Nur so könnten schwere Stürze von Reitern vermieden werden, die, für jedermann sichtbar,  überfordert seien. Rodrigos Schlusssatz: „Wenn wir mit diesem ,Spiel‘ so weitermachen, werden  wir sehr bald nicht mehr bei den Olympischen Spielen dabei sein!“

 

Ich bin mir sicher: Viele in und um den Springsport herum, teilen die kritische Sicht von Rodrigo Pessoa. Vielleicht nicht in diesem zentralen Punkt: Rodrigo plädiert sehr deutlich dafür, die Springpferde nachhaltig zu entlasten: Weniger Turniere! Weniger Sprünge in den Parcours! Senkung der Anforderungen! An dieser Stelle möchte ich kritisch einwenden: Niemand verbietet den Reitern, ihre Pferde zu schonen! Jeder ist für ihren Einsatz selbst verantwortlich! Aber der Lockruf des Geldes wird immer lauter, immer subtiler! Global Champions Tour und Weltcup, Grand Slam und Nationenpreise – das gemeinsame Motto aller Aktiven müsste eigentlich lauten: Weniger ist mehr! Wie sagte HG Winkler vor vielen Jahren: „Die Turnierpausen muss man sich leisten können! Wir sollten Sponsoren haben, die die Pausen finanzieren!“ Man darf gespannt sein, ob Rodrigo Pessoas wichtige Appelle gehört werden und sich die Aktiven diesmal durchsetzen oder ob die FEI sie einmal mehr im Regen stehen lässt. Eine Antwort der FEI auf Rodrigos Forderungen gibt es noch nicht.

 

Thomas Borgmann für reitturniere.de

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