Dressur ……quo vadis? Wolfgang Leiss, DressurAktuell aus Crozet/FRA

Um Informationen über die Entwicklung des Pferdesports, speziell der Dressur, zu bekommen, kann man am Besten das Geschehen bei den Europameisterschaften der Dressurreiter in Crozet beobachten. Championate sind dazu hervorragend geeignet, weil die Reitergemeinschaft solche Veranstaltungen besonders im Auge hat.

 

So wie die Reiterei und gerade die Dressur zur Zeit im Fokus ist, geschürt von den Sozialen Medien, ist es spannend, ob sich in der Dressurreiterei etwas tut, sprich die Reiter und Richter auf die Anfeindungen in den Sozialen Medien reagieren.

 

Unabhängig, ob diese Kritik berechtigt ist oder nicht, wäre es angebracht Veränderungen anzubringen, um das Image der Dressur zu verbessern.

 

Dabei muss man sich im Klaren sein, dass die wirkungsvollste Veränderung durch die Richter erfolgen kann. Reiter reagieren nur auf die Bewertungen der Richter. Reiter und Trainer müssen ja, wenn sie auf Turnieren erfolgreich sein wollen, auf die Richterurteile reagieren.

 

Nun sind die Kritiken, die in den Sozialen Medien aufgekommen sind nicht immer konstruktiv und entbehren manchmal entsprechendem Fachwissen und praktischer Erfahrung.

 

Versucht man mal einige Punkte dieser Kritik herauszufiltern, merkt man schnell, dass an den Kritikpunkten oft auch ein bisschen Wahrheit mitspielt.

 

Anlehnung, Maultätigkeit und Stellung des Halses werden oft kritisiert.

 

Probleme in dieser Richtung waren auch in Crozet zu sehen. Die Mehrzahl der Pferde gingen leicht hinter der Senkrechten. Mit leicht meine ich, dass es nicht in Richtung „Rollkur“ ging.

 

Leider wurde das nicht von den Richtern sanktioniert. Speziell wirkte es sich nicht negativ auf die Bewertung aus, wenn der Kopf hinter der Senkrechten war. Wenn die Richter da nicht konsequent agieren, werden die Reiter nichts ändern.

 

Schade nur, wenn ein Reiter sein Pferd die ganze Prüfung vor der Senkrechten reitet, mit guter Rückenarbeit, dass dies keine guten Noten produzierte.

 

Damit wären wir auch bei der Durchlässigkeit bzw. Losgelassenheit. Ein Richter hat mal den Spruch geprägt: „Losgelassenheit ist die Vorstufe der Langeweile.“ Und da ist ja auch ein bisschen was wahres dran.

 

In unserer Welt, wo  immer neue Sensationen gefordert werden, um Aufmerksamkeit zu generieren, schreckt Langeweile natürlich ab. Leider ist es so, dass ein losgelassenes Pferd gegenüber einem exaltiert „strampelnden“ Pferd weniger spektakulär wirkt. Richter sollten aber Spannung erkennen und entsprechend sanktionieren oder im anderen Fall honorieren, wenn ein Pferd losgelassen geht.

 

Man muss auch mal auf den eigentlichen Sinn der Dressurreiterei eingehen. Schon der Namen Dressur ist irreführend. Gewünscht ist nicht ein Pferd zu dressieren, sprich ihm Kunststücke beizubringen, sondern das Pferd so zu gymnastizieren, dass der Reiter zu jedem gewünschten Zeitpunkt und Ort eine Lektion reiten kann.

 

Ein gymnastiziertes Pferd von einem dressierten Pferd zu unterscheiden ist für die Richter manchmal sehr schwer, aber für eine gerechte Benotung notwendig bzw. sinnvoll.

 

Reiter gehen dabei manchmal den einfacheren Weg, nämlich ein Pferd für eine Lektion zu dressieren, wie einen Hund. Sie können dann durch ein Geräusch oder ein anderes Zeichen die Lektion auslösen.

 

Noch ein anderes Thema möchte ich ansprechen. In der Dressur ist ein Pferd „im Bergauf“ gewünscht. Sprich das Pferd übernimmt einen Großteil seiner Last über die Hinterhand auf. Sicher ist das durch das Gebäude des Pferdes stark beeinflusst, kann aber durch entsprechendes Training verbessert werden.

 

Einige Pferde waren in Crozet zu sehen, die „in den Boden geritten“ wurden. Trotzdem war dies an den Noten nicht ablesbar.

 

Auch in Crozet konnte man beobachten, dass Richter sich durch die Nationalität haben beeinflussen lassen. Es ist zwar menschlich verständlich, den Reiter der eigenen Nation besser zu sehen, als es die anderen Richterkollegen tun. Nicht akzeptabel ist es aber, den vermeintlichen „Gegner“ des eigenen Reiters schlechter zu bewerten, um einen Vorteil für den eigenen Reiter zu erreichen, das ist perfide.

 

Wenn man schon von Veränderungen spricht, muss auch erwähnt werden, dass sich das Notenniveau in Crozet gegenüber der letzten Europameisterschaft in Riesenbeck 2023 deutlich verändert hat. In    Riesenbeck waren noch 3 Reiter deutlich über 80 % gekommen, in Crozet kam nur eine Reiterin knapp über 80 %. Gegenüber 37 Teilnehmern in Riesenbeck die zwischen 70 und  80% erreichten, waren es in Crozet nur noch 23.

 

Was das zu bedeuten hat, lässt sich schwer sagen. Ggf. sind die Richter nicht mehr gewillt 9er und 10er zu ziehen.

 

Fazit:
Letztendlich hat sich grundlegend nichts verändert.
Zwar ist zu sehen, dass die Reiter versuchen „schöner“ zu reiten und das auch z.T. mit Erfolg.
Negative Extremvorfälle auf dem Abreiteplatz sind nicht mehr zu beobachten.
Eine wirklich gravierende Verbesserung der Situation, Vermeidung von Fehlentwicklungen, wie sie oben beschrieben wurden, kann nur durch die Richter stattfinden, und da ist vielleicht vereinzelt Positives zu berichten, aber nicht systematisch und durchgehend.

 

Also was bleibt:
„The same procedure as every year, Miss Sophie.“

 

Wolfgang Leiss, DressurAktuell aus Crozet/FR

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