Der frühe Turniereinstieg im Fokus – und warum es keine pauschalen Antworten gibt
Wie früh darf ein junges Pferd in den Turniersport starten – und wo beginnt Überforderung? Diese Frage wird im Pferdesport intensiv diskutiert. Beim Dialogformat „Heiße Eisen“, das am 12. Mai in Warendorf stattfand, kamen Experten aus Sport, Zucht, Wissenschaft und Ausbildung zusammen, um genau darüber zu sprechen: über Voraussetzungen, Chancen und Risiken eines frühen Turniereinstiegs – und darüber, wie sich Förderung und Verantwortung in Einklang bringen lassen.
Unter dem Titel „Wie jung ist zu jung? Zwischen Förderung und Überforderung“ diskutierten Reitmeister Martin Plewa, Wissenschaftlerin Prof. Dr. Christine Aurich, Tierärztin Dr. Kirsten Tönnies, Ingo Pape von der Hengststation Pape sowie Wilken Treu, Geschäftsführer des Hannoveraner Verbandes. Moderiert wurde der Abend von Dr. Dennis Peiler, Vorstandsvorsitzender. Gastgeber war Prof. Dr. hc. Martin Richenhagen, Präsident von Pferdesport Deutschland. Jana Hoger, Vertreterin von PETA, musste ihre Teilnahme aus persönlichen Gründen kurzfristig absagen.
Gleich zu Beginn des Abends betonte Martin Richenhagen, es sei keine Lösung, Kritik auszublenden. Wer den Pferdesport zukunftsfähig gestalten wolle, müsse sich auch mit kritischen Stimmen auseinandersetzen. Entscheidend sei ein sachlicher Austausch, der auf Argumenten, Wissen und gegenseitigem Respekt beruhe. Es gehe nicht um ein ganz anderes System. Vielmehr müssten Reiter, Ausbilder, Richter und Veranstalter noch besser befähigt werden, Überforderung zu erkennen, Pferde zu lesen und verantwortungsvoll zu handeln.
Im Zentrum der Diskussion stand die Frage, wie junge Pferde altersgerecht und verantwortungsvoll an den Sport herangeführt werden können. Dabei wurde deutlich: Eine pauschale Antwort gibt es nicht. Entscheidend sind die individuelle Entwicklung, die körperliche und mentale Belastbarkeit, die Gewöhnung des jungen Pferdes, die Ruhe in der Ausbildung, das Vertrauen zum Menschen sowie das jeweilige Umfeld.
Frühe Förderung – wissenschaftlich neu bewertet
Prof. Dr. Christine Aurichs Forschung zeigt: Frühzeitiges, maßvolles Training ist für junge Pferde nicht schädlich, sondern fördert ihre körperliche Entwicklung und Gesundheit. Die weit verbreitete Annahme, Pferde dürften erst belastet werden, wenn ihre Wachstumsfugen geschlossen sind, gilt als überholt – ähnlich wie bei Kindern, die ebenfalls schon Sport treiben und auch nicht ausgewachsen sind. Es komme immer auf das Maß an.
Neben der körperlichen Entwicklung untersuchte Aurich auch die mentale Belastbarkeit. Ergebnis: Bereits ab etwa 18 Monaten können Pferde vorsichtig an Aufgaben herangeführt werden. Die Stressreaktion ist dabei individuell und messbar, etwa über Herzfrequenz oder Kortisol. Auffällig ist, dass junge Pferde etwa bei Transporten oft stärker gestresst reagieren als bei körperlicher Arbeit. Eine frühe, behutsame Gewöhnung an neue Reize ist laut Aurich sinnvoll. Der richtige Zeitpunkt für Turniere hänge jedoch stark von der individuellen Entwicklung und dem Umgang mit dem Pferd ab.
Individuelle Wege statt starre Regeln
Ingo Pape sprach sich für eine individuelle Betrachtung junger Pferde aus. Er betonte, dass Pferde nicht in Schablonen gepresst werden dürfen. Jedes Pferd bringe eigene Eigenschaften, eigene Voraussetzungen und ein eigenes Lerntempo mit. Entscheidend sei, das jeweilige Pferd richtig zu lesen und für jedes Tier den passenden Weg zu finden. „Zehn Pferde sind zehn verschiedene Pferde, sagte schon Paul Stecken. Es liegt in meiner Verantwortung, meine Pferde entsprechend zu lesen und für jedes den richtigen Weg zu finden“, stellte Ingo Pape heraus.
Wilken Treu unterstrich aus Sicht der Zucht, dass junge Pferde in der Vorbereitung und Präsentation nicht überfordert werden dürften. „Unser Ziel ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit auch in der Vorbereitung keine Überforderung stattfindet.“ Ein früheres Auftreten könne sinnvoll sein, solange es richtig gemacht werde, ist seine Überzeugung. Entscheidend sei, Anforderungen so zu gestalten, dass sie altersgerecht bleiben und körperliche Überforderung in jedem Alter vermieden werde, sagte Treu weiterhin. „Man kann es in jedem Pferdealter falsch machen – auf der psychischen und physischen Ebene. Ein Pferd psychisch zu überlasten, geht sehr schnell. Deshalb müssen wir uns diesbezüglich noch deutlicher hinterfragen“, mahnte der Hannoveraner Geschäftsführer. Die gesamte Branche müsse sich dieser Verantwortung stellen und konsequent daran arbeiten, „schwarze Schafe“ zu erkennen und das Bild des Sports zu verbessern.
Ausbildung, Verantwortung und der Blick auf gutes Reiten
Reitmeister Martin Plewa plädierte dafür, Wissen vermehrt zu vermitteln und die eigenen Ausbildungsgrundsätze konsequenter anzuwenden. Gesundheit und Gesunderhaltung müssten im Mittelpunkt stehen. „Ich habe gelernt, dass man ein junges Pferd nie aussitzt – weder im Trab noch im Galopp. Ein junges Pferd wird mit kurzen Bügeln geritten und bewusst langsam aufgebaut.“
Zugleich findet Plewa, dass der Blick für gutes Reiten geschult werden müsse. Seine Idee: Bei den Al Shira’aa Bundeschampionaten soll vor den Reitpferdeprüfungen die Aufgabe vorgeritten werden. Die Vorreiter sollen demonstrieren, wie ein Pferd richtig und pferdegerecht vorgestellt werden kann. Die Ritte sollen entsprechend kommentiert werden, um auch das Publikum zu schulen. „Das ist ein sehr guter Vorschlag, den wir verfolgen werden", ging Dr. Dennis Peiler direkt auf den Vorschlaf ein.
Dr. Kirsten Tönnies betonte die Bedeutung positiver Verstärkung und eines bewussteren Umgangs mit jungen Pferden. Ausbildung und sportlicher Erfolg seien nicht dasselbe. Gerade deshalb müsse noch mehr darüber gesprochen werden, wie Lernprozesse gestaltet werden müssen, um jedes Pferd individuell zu fördern. Besonders wichtig sei dabei die differenzierte Betrachtung, worüber gesprochen wird – über die Anforderungen, über die Bedingungen und über die Umstände. Sie wünschte sich, eine kleinteiligere Betrachtung des Ausbildungsweg eines Pferdes.
Weiterentwicklung als gemeinsamer Auftrag
Dr. Dennis Peiler ordnete die Diskussion in laufende Entwicklungen bei Pferdesport Deutschland ein. „Der Jungpferdegipfel hat zu Beginn des Jahres bereits wichtige Impulse gesetzt, Arbeitsgruppen haben konkrete Anpassungen auf den Weg gebracht, nun wird bei denAl Shira'aa Bundeschampionaten in den Reitpferdeprüfungen das Pilotprojekt umgesetzt.“ Es gehe darum, Erfahrungen zu sammeln, Maßnahmen zu evaluieren und dort nachzuschärfen, wo weiterer Handlungsbedarf bestehe. Ziel sei es, Anforderungen so weiterzuentwickeln, dass junge Pferde nicht überfordert werden und gleichzeitig bestmöglich auf ihre spätere sportliche Laufbahn vorbereitet werden.
Fazit
Der Abend in Warendorf machte deutlich: Die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für den Turnierstart lässt sich nicht pauschal beantworten. Entscheidend ist der verantwortungsvolle, individuelle Umgang mit jedem Pferd. Formate wie „Heiße Eisen“ schaffen dafür Raum – für Austausch, für unterschiedliche Perspektiven und für die gemeinsame Weiterentwicklung des Pferdesports. Pferdesport Deutschland/USC




























