Die Chance in der Krise (Editorial Reiterjournal 05/2026)

Foto: Titelseite Reiterjournal 05/2026

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Von den Chinesen stammt die Weisheit, dass in jeder Krise auch eine Chance steckt. Das empfiehlt sich auch bei dem Thema Pferdesteuer, über das man in Reutlingen am Fuß der Schwäbischen Alb diskutiert. Der Gemeinderat hat sie im Grundsatz beschlossen, der städtische Kämmerer hat nun die Aufgabe zu prüfen, ob sich eine solche Steuer am Ende überhaupt rechnet. Wenn ja, droht ein Flächenbrand.

 

Worin liegt nun die Chance? Dazu hilft die Analyse, woher die Begehrlichkeit der Kommunen auf eine solche Steuer stammt, nämlich nicht nur aus der Finanznot. Dahinter steckt das Vorurteil, Reiter seien sowieso reiche Leute, die sich das Luxusgut Pferd leisten können – und locker noch eine Steuer mehr bezahlen können.

 

Im Zuge der Diskussion kann (und muss) es nun aber gelingen, die öffentliche Meinung umzukehren. Was sich in den Tagen nach dem politischen Schnellschuss-Beschluss von Reutlingen ereignet hat, lässt in der Tat hoffen. Eine engagierte junge Frau aus Reutlingen, Freizeitreiterin mit Turnierambitionen wie so viele, hat eine Petition ins Leben gerufen, die bis zum Erscheinen dieser Ausgabe fast 9000 Menschen angeklickt haben. Annika Esch, so heißt die mutige Pharmazeutin, und ihre Stute Lissy sind damit Botschafter des Pferdesports gewesen. Sie ist nicht übermäßig reich, sie leistet sich ihr Pferd, weil sie auf andere Dinge verzichtet – aber sie verzichtet gerne, weil sie ihr Pferd und das Reiten liebt. Sie ist eine Frau, die mitten in der Gesellschaft verankert ist, ehrenamtlich im Reiterverein engagiert ist, ausmistet und die Stallgasse fegt. Sie ist keine Millionärin, fährt keinen Pferde-Transporter, der so teuer ist wie eine Eigentumswohnung, und sie ist alles andere als eine Tierquälerin – eine ganz normale Reiterin eben.

 

Es ist beruhigend, wer sich an die Seite der Reiter stellt: die Landwirte, Touristiker, Vereinsvertreter, Politiker, Bildungseinrichtungen, Interessensverbände von Menschen mit Behinderung und andere, die das Pferd schätzen (und brauchen). Auf diese Solidarität sollte man aufbauen.

 

Und genau darin liegt die Chance: dass wir in der Öffentlichkeit wieder klarstellen können, wer den Pferdesport und die Reiterei trägt. Dass es engagierte Menschen in der Mitte der Gesellschaft sind mit dem schönsten Hobby der Welt. Und dass Pferde keine Luxusware sind, sondern emotional wertvolle Partner der Menschen in Vereinen, auf Reiterhöfen, für Kinder beim Großwerden, Heranwachsende, für ältere Menschen, für solche mit Handicap und jene, die manchmal einsam sind. Pferde sind ein Kulturgut und Reiter eine Stütze unserer Gesellschaft. Und das besteuert man nicht!

 

Mit reiterlichen Grüßen

 

Roland Kern

 

Redaktion

 

Freuen Sie sich in der neuen Ausgabe unter anderem auf die folgenden Themen:

 

  • Hinter dem Erfolg: Uli Collee
  • Blickpunkt: Praxisleitfaden Pferdetransport
  • Reutlingen bittet zur Kasse: Pferdesteuer
  • Jugendporträt: Greta Grill
  • Neue Zucht-Serie: Vom Traum zum eigenen Fohlen

 

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