Foto: Einst für einen Euro verkauft, fährt Chagall nun mit Cjell Aaron Richert und Philine Lindhorst zur WM. - Fotograf: privat
Chagalls Weg zur Weltmeisterschaft in Aachen
Vor neun Jahren wechselte Chagall für einen Euro den Besitzer. Heute trägt derselbe Wallach bei den Weltmeisterschaften in Aachen die Voltigierer Philine Lindhorst und Cjell Aaron Richert im Pas de Deux durch den Zirkel. Dazwischen liegen unzählige Trainingsstunden, eine konsequente Ausbildung und Menschen, die nicht aufgehört haben, an ihn zu glauben.
Wer Chagall heute erlebt, kann sich den schwierigen Anfang kaum vorstellen. Der 16-jährige Fuchswallach steht gelassen auf der Weide, lässt sich kraulen und verfolgt aufmerksam, was um ihn herum passiert. Vor neun Jahren war das anders. „Er hat getreten und gebockt und war weder schmiede- noch verladefromm“, erinnert sich Andrea Lindhorst, die ihn bis heute longiert. Auch Tochter Philine denkt noch oft an diese Zeit zurück. „Wenn man Chagalli von damals beschreiben müsste, dann war er sehr miesepetrig“, sagt sie und lacht. Damals sprach wenig dafür, dass aus dem schwierigen Jungpferd einmal ein Partner für den internationalen Spitzensport werden würde.
Dressurarbeit zahlt sich aus
Familie Lindhorst ließ sich davon nicht beirren. Chagall bekam Zeit, eine systematische Ausbildung und viel Ausgleich auf der Weide. Den entscheidenden Entwicklungsschritt machte der Wallach in den vergangenen beiden Jahren. Nach dem ersten Start beim CHIO Aachen im letzten Jahr und der Berufung in den Championatskader nahm das Team regelmäßig an den Bundeskaderlehrgängen und Trainingseinheiten am Bundesstützpunkt in Warendorf teil. Vor allem die Ausbildung unter dem Sattel rückte dabei in den Fokus. „Ein Voltigierpferd soll an der Longe konstant galoppieren und immer wieder ins Gleichgewicht finden. Wir haben mit Chagall in der dressurmäßigen Arbeit viel an der Geraderichtung, zum Beispiel im Außengalopp, gearbeitet. Er hat dadurch an Qualität in Gang und Haltung gewonnen“, erklärt Bundestrainer Kai Vorberg. „Diese Grundlagen zahlen sich im Handgalopp an der Longe aus. Je besser das Pferd unter dem Sattel ausgebildet ist, desto konstanter und sicherer kann es sich auch beim Voltigieren bewegen.“
Wachsendes Vertrauen
Die Fortschritte zeigten sich von Turnier zu Turnier. Chagall wurde sicherer und gelassener. Gleichzeitig wuchs das Vertrauen zwischen Pferd, Voltigierern und Longenführerin. „Chagalli ist mittlerweile eine kleine Rampensau“, sagt Cjell. „Und er kann auch ein paar Tricks: Check!“ Aufs Wort hebt Chagall das Vorderbein und tippt gegen Cjells ausgestreckte Hand. Ein kleiner Trick, vor allem aber ein Bild dafür, wie selbstverständlich die Kommunikation zwischen Mensch und Pferd inzwischen geworden ist. Selbst die Kulisse großer internationaler Voltigierturniere bringt den Fuchswallach heute kaum noch aus der Ruhe. „In den neun Jahren ist ganz viel passiert. Wir können uns heute absolut kein besseres Pferd an unserer Seite vorstellen“, sagt Philine. „Wir kennen uns einfach in- und auswendig, er ist wirklich ein Traumpferd.“
Der Durchbruch
Wie weit dieses Vertrauen trägt, zeigte sich in dieser Saison. Ende Mai gingen Philine und Cjell gemeinsam mit Chagall und Andrea an der Longe erstmals bei einem Weltcupfinale an den Start. Nach einer nahezu perfekten ersten Kür führten sie das Klassement an. Im zweiten Umlauf machte ihnen jedoch die besondere Atmosphäre in der Halle einen Strich durch die Rechnung. Chagall zeigte sich angespannter als am Vortag, das Duo konnte seine Kür nicht mehr fehlerfrei präsentieren. Am Ende blieb Silber – ein Ergebnis, das bei der Weltcup-Premiere kaum jemand erwartet hatte.
Nur wenige Wochen später folgte der nächste Schritt. Beim CVIO in Warendorf gewann das Team seinen ersten internationalen Wettbewerb. Für Philine und Cjell, die erst seit dem vergangenen Jahr gemeinsam im Pas de Deux starten, war der Sieg gleichzeitig das Ticket für die Weltmeisterschaften in Aachen.
Chagalls Geschichte handelt von Geduld, konsequenter Ausbildung und Menschen, die einem schwierigen Pferd Zeit gaben, statt vorschnell aufzugeben. Aus dem Rüpel, der für einen Euro den Besitzer wechselte, ist ein Spitzensportler geworden. Heute steht Chagall bei den Weltmeisterschaften in Aachen. Der Weg dorthin ist vielleicht sein größter Erfolg.
Pferdesport Deutschland/mly
Alle Infos zum Voltigieren bei der WM in Aachen, das Team im Überblick, Zeitplan und Wettkampfmodus gibt es hier: WM Voltigieren Aachen 2026





























