Frederic Wandres: „Eine Goldmedaille gewinnt niemand allein“
Seit seiner WM-Premiere 2022 hat sich Frederic Wandres zu einer festen Größe im deutschen Dressurteam entwickelt. Im Interview mit Pferdesport Deutschland spricht der Team-Olympiasieger über prägende Erfahrungen, gewachsenes Selbstvertrauen und darüber, warum Verlässlichkeit im Mannschaftssport so wichtig ist.
Frederic, wenn du heute an deine erste Weltmeisterschaft 2022 in Herning zurückdenkst: Welche Gedanken kommen dir als Erstes?
Frederic Wandres: Es war vor allem eine sehr intensive Erfahrung. Sportlich haben wir als Mannschaft die Bronzemedaille gewonnen, gleichzeitig verlief das Championat für mich persönlich nicht ganz so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Duke of Britain, mein damaliges Pferd, zeigte im Grand Prix eine gute Leistung, danach war aber schnell klar, dass er nicht fit genug war, um weitere Prüfungen zu gehen.
Für mich als Championats-Neuling war das eine Situation, auf die ich nicht vorbereitet war. Viele Abläufe waren neu, viele Entscheidungen musste ich zum ersten Mal in diesem Umfeld treffen. Rückblickend gehört diese Erfahrung sicherlich nicht zu den angenehmsten meiner Karriere. Gleichzeitig glaube ich aber heute, dass sie mich geprägt hat. Vielleicht war es sogar hilfreich, früh zu erleben, wie komplex und herausfordernd ein Championat sein kann. Danach gewinnt man einen anderen Blick auf viele Dinge.
Welche Lehren hast du aus diesem ersten Championat für deine weitere Laufbahn gezogen?
Frederic Wandres: Vor allem die Bedeutung von Offenheit und Kommunikation. Im Spitzensport spricht man häufig über Stärken, aber genauso wichtig ist es, Schwächen offen anzusprechen. Kein Pferd ist perfekt, kein Reiter ist perfekt. Über die vergangenen Jahre ist ein großes Vertrauensverhältnis mit der Teamführung entstanden. Man kennt sich, versteht die Denkweisen des anderen und weiß, dass alle letztlich dasselbe Ziel verfolgen. Deshalb kann ich heute sagen: Auch wenn die Situation damals schwierig war, ist daraus etwas Positives entstanden. Sie hat geholfen, Beziehungen aufzubauen und Vertrauen wachsen zu lassen.
Seit Herning warst du bei jedem Championat Teil des Teams. Verändert sich dadurch der Blick auf diese Höhepunkte oder bleibt die Anspannung dieselbe?
Frederic Wandres: Bestimmte Abläufe werden selbstverständlicher. Man kennt die Strukturen, weiß, welche Prozesse auf einen zukommen und wie ein Championat funktioniert. Die Frage, ob man am Ende tatsächlich Teil der Mannschaft sein wird, verliert für mich allerdings nie an Bedeutung. Viele Menschen sagen früh im Jahr: „Du bist doch ohnehin dabei.“ Für mich funktioniert Spitzensport nicht so.
Entscheidend ist immer die Leistung zum richtigen Zeitpunkt. Unsere Sichtungen sind klar definiert und dort muss man liefern. Was im Winter oder zu Beginn der Saison passiert, spielt dann keine Rolle mehr. Am Ende zählen Leistung, Form und die Gesundheit des Pferdes. Deshalb bleibt dieser Weg jedes Jahr aufs Neue spannend.
Mit Bluetooth OLD hast du inzwischen einen Partner an deiner Seite, der für außergewöhnliche Konstanz steht. Wie sehr verändert das die Perspektive auf die Konkurrenzsituation?
Frederic Wandres: Natürlich gibt einem Konstanz ein gewisses Vertrauen in die eigene Arbeit. Gleichzeitig beobachten wir alle sehr genau, was sich im internationalen Sport entwickelt. Über die Jahre habe ich viele vielversprechende Pferd-Reiter-Kombinationen kommen sehen. Oft entstehen große Erwartungen und manchmal erfüllen sie sich auch. Genauso oft zeigt sich aber, wie lang der Weg bis zu einem Championat tatsächlich ist. Deshalb versuche ich heute, Entwicklungen aufmerksam zu verfolgen, ohne mich davon aus der Ruhe bringen zu lassen. Es müssen unheimlich viele Faktoren zusammenkommen, um am Ende tatsächlich in einem olympischen Viereck oder bei einer Weltmeisterschaft an den Start zu gehen.
Die vergangenen vier Jahre bilden einen kompletten WM-Zyklus. Wie würdest du deine persönliche Entwicklung in dieser Zeit beschreiben?
Frederic Wandres: In vier Jahren verändert sich sehr viel. Wenn ich auf mich als Reiter von 2022 blicke, sehe ich heute deutlich mehr Erfahrung. Der größte Einschnitt in meiner reiterlichen Laufbahn war natürlich Paris 2024. Eine olympische Goldmedaille verändert vieles. Sie sorgt nicht nur für Erinnerungen und Emotionen, sondern schafft auch neues Selbstvertrauen. Man weiß, dass man unter maximalem Druck bestehen kann. Darüber hinaus öffnen sich beruflich neue Türen. Das Interesse von Sponsoren wächst, die öffentliche Wahrnehmung verändert sich und man erhält Möglichkeiten, die man vorher vielleicht nicht hatte. All das sind Entwicklungen, für die ich sehr dankbar bin.
Dressurreiten gilt eher als Individualsport. Dennoch sprichst du oft über Teamgeist. Wie wichtig ist dieser Faktor auf höchstem Niveau?
Frederic Wandres: Ich halte ihn für enorm wichtig. Natürlich reitet am Ende jeder allein ins Viereck. Der Weg dorthin wird allerdings von vielen Menschen begleitet. Außerdem braucht eine Mannschaft Verlässlichkeit. Gerade in Teamentscheidungen geht es nicht nur um Spitzenleistungen, sondern auch um die Fähigkeit, Leistungen reproduzierbar abzurufen.
Ich sehe eine meiner Stärken darin, gemeinsam mit meinen Pferden konstant abzuliefern. Aus Sicht eines Trainers ist das ein wichtiger Faktor. Grundsätzlich bin ich überzeugt: Wer glaubt, alles allein zu können, hat meist schon verloren. Deshalb versuche ich immer, offen für andere Perspektiven zu bleiben und von Menschen in meinem Umfeld zu lernen. Das bedeutet nicht, den eigenen Weg zu verlassen. Es bedeutet, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Wenn du heute auf den Frederic Wandres von 2022 schaust: Was hat sich am stärksten verändert?
Frederic Wandres: Ich bin sicherlich gelassener geworden. Nicht weniger ehrgeizig, aber gelassener. Ich weiß heute besser, welche Faktoren ich beeinflussen kann und welche nicht. Gleichzeitig habe ich gelernt, Vertrauen zu entwickeln: in mein Pferd, in mein Umfeld und in die eigene Arbeit.
2022 bin ich als WM-Debütant zu einem Championat gefahren. Heute blicke ich auf mehrere internationale Höhepunkte und den Gewinn einer olympischen Goldmedaille zurück. Diese Erfahrungen geben Sicherheit. Gleichzeitig bleibt der Respekt vor der Aufgabe derselbe, denn im Spitzensport muss man sich jeden Erfolg immer wieder neu erarbeiten. Pferdesport Deutschland/sag





























