WM Aachen: Team hinter dem Team - Tierärztin bei den Vierspännern

Foto: Die Mannschafts-Tierärztin der Vierspänner Mathilde Pluim (rechts) schaut beim Vetcheck der Fahrpferde immer ganz genau hin. - Archivfoto: (c) Hippoevent

Foto: Die Mannschafts-Tierärztin der Vierspänner Mathilde Pluim (rechts) schaut beim Vetcheck der Fahrpferde immer ganz genau hin. - Archivfoto: (c) Hippoevent

„Fahrpferde sind unglaublich ehrlich“

 

Sie ist Niederländerin, Tierärztin, alleinerziehende Mutter und betreut bereits seit 2014 die deutschen Fahrpferde als Mannschaftstierärztin: Mathilde Pluim. Im Interview mit Pferd & Mensch berichtet sie über ihren Job und die Aufgaben als Teil des Teams hinter dem Team, das bei der WM im Einsatz ist. Und sie spricht über ganz besondere Pferde und den Turniereinsatz mit Kind dabei.

 

Wie sieht dein Job als Mannschaftstierärztin in Aachen aus?

 

Mathilde Pluim: Ich mache jeden Tag eine allgemeine Untersuchung aller Pferde. Jedes Pferd wird einmal vorgetrabt, ich taste die Beine ab, schaue mir die Schleimhäute und das Maul an und kontrolliere, ob es irgendwo kleinere Verletzungen oder Auffälligkeiten gibt. Vor der Dressurprüfung bin ich an den Vorbereitungsplätzen beziehungsweise am Viereck präsent. Außerdem bin ich natürlich immer für alle möglichen Fragen der Fahrerinnen und Fahrer da, etwa zur Fütterung oder zu gesundheitlichen Themen rund um die Pferde.

 

Wie in der Vielseitigkeit haben auch die Vierspänner drei Teilprüfungen. Highlight ist immer die Geländeprüfung. Sie wird auch bei der WM wieder große Menschenmassen in die Soers ziehen. Wie erlebst du als Tierärztin einen solch besonderen Tag? Was sind deine Aufgaben?

 

Mathilde Pluim: Am Geländetag versuche ich, möglichst viel von der Strecke der Fahrer mit dem Fahrrad mitzufahren. In Aachen ist das aufgrund der vielen Zuschauer nicht immer ganz einfach. Während des Wettkampfs stehe ich per Funk mit Charly (Anm. der Red.: Bundestrainer Karl-Heinz Geiger) in Kontakt. Wenn irgendwo Hilfe benötigt wird, bin ich sofort informiert. Direkt an ein Gespann darf ich während der Prüfung allerdings nicht heran. Das ist nur bei einem Unfall oder in einer Notsituation erlaubt. Wenn alles normal läuft, beobachte ich vor allem die Pferde, ob alle in Ordnung sind.

 

Im Ziel der Geländeprüfung sieht man oft sehr viele Wassereimer. Was passiert da?

 

Mathilde Pluim: Genau, ich bin natürlich immer im Zielbereich, wenn unsere deutschen Vierspänner dort ankommen. Dann geht es zunächst darum, die Pferde optimal zu versorgen. Je nach Wetter werden sie gekühlt. In Aachen sind die Bedingungen dafür hervorragend. Es gibt Ventilatoren mit Wassersprühnebel, aber ich helfe dem Team auch immer, die Pferde schnell mit Hilfe von Wassereimern runterzukühlen. Meine Tochter Carmen sagt immer, dass ich „Eimer schmeiße“. Außerdem kontrolliere ich Puls- und Atemfrequenz sowie die Temperatur. Ziel ist es, dass die Pferde möglichst schnell wieder komplett entspannt sind. Natürlich gibt es dann auch noch eine offizielle Untersuchung durch ein Tierärzteteam.

 

Ist der Arbeitstag damit beendet?

 

Mathilde Pluim: Nein, ganz und gar nicht. Abends mache ich noch eine zusätzliche Stallrunde. Dann spreche ich mit den Pflegern: Hat das Pferd gut getrunken? Hat es gefressen? Hat es sich hingelegt? War es entspannt oder gab es irgendwelche Auffälligkeiten? Manchmal muss auch ein Schmied organisiert werden oder ich kontrolliere die Eisen. Vieles ist Präventionsarbeit. Ich achte beispielsweise darauf dass die Pferde ausreichend Flüssigkeit und gegebenenfalls Elektrolyte bekommen. Tatsächlich müssen wir nur selten wirklich behandeln. Meistens geht es um kleinere Verletzungen oder Vorsichtsmaßnahmen.

 

Sind Fahrpferde besonders sensibel oder gibt es Eigenschaften, auf die du als Tierärztin speziell achten musst?

 

Mathilde Pluim: Viele Fahrpferde sind sehr temperamentvoll und haben unglaublich viel Go. Sie sind aber sehr ehrlich. Man kann gut „lesen“, wie es ihnen geht. Hinzu kommt, dass die Zwei- und Vierspänner oft wie so eine kleine Herde sind und sie daher schnell nervös werden, wenn man sie trennt. Die hängen schon alle sehr aneinander. Wenn man ein Pferd zum Beispiel untersuchen muss, nimmt man besser immer einen Kumpel mit. Ich mag das total gerne, die sind schon sehr süß.

 

Viele Fahrpferde sind schon lange dabei. Hast du ein Lieblingspferd?

 

Mathilde Pluim: Da gibt es einige. Besonders am Herzen liegt mir zum Beispiel Racciano von Mareike (Meier). Er ist schon seit meinen Anfängen im Team dabei. Vor einigen Jahren hatte er einen schweren Infekt und musste richtig kämpfen. Zu sehen, wie er sich zurückgearbeitet hat und wieder fit geworden ist, war beeindruckend. Er hat ein richtiges Kämpferherz. Generell entstehen über die Jahre viele besondere Geschichten. Fahrpferde haben oft sehr lange Karrieren. Man begleitet sie vom Nachwuchspferd bis kurz vor dem Ruhestand. Dadurch baut man eine ganz besondere Beziehung zu ihnen auf.

 

Deine Tochter Carmen kommt eigentlich immer mit zum Turnier. Ist das auch in diesem Jahr in Aachen wieder so? Und wie managt du das?

 

Mathilde Pluim: Ja, sie ist seit dem Babyalter immer dabei. Der Fahrsport ist ein echter Familiensport und es sind immer viele Helfer und viele Kinder dabei, mit denen Carmen spielt, wenn ich im Einsatz bin. Während der Ferien ist das jetzt auch relativ unkompliziert. Wenn Turniere in die Schulzeit fallen, machen wir auf dem Turnier Homeschooling und manchmal hat sie viele Aufgaben auch schon auf der Hinfahrt erledigt, sie ist da sehr fleißig. Das klappt bislang wirklich gut. Wir gucken aber immer jedes Schuljahr neu, ob es funktioniert. In den Niederlanden darf sie zum Beispiel in der ersten Schulwoche und in der Prüfungswoche nicht fehlen. Das war im vergangenen Jahr bei der Europameisterschaft in Lähden zum Beispiel so, da ist sie dann bei ihrer Oma geblieben.

 

Das Interview führte Eva Borg.

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