FEI Jumping World Championship: Deutschland ist nach 16 Jahren wieder Mannschafts-Weltmeister

Foto: Die drei Gewinnerteams im Mercedes-Benz Preis (v.l.n.r.): Belgien, Deutschland und Großbritannien Fotograf: ALRV/Jasmin Metzner

Foto: Die drei Gewinnerteams im Mercedes-Benz Preis (v.l.n.r.): Belgien, Deutschland und Großbritannien Fotograf: ALRV/Jasmin Metzner

Das Aachener Sommermärchen schreibt ein weiteres, goldenes Kapitel – zur Not eben auch mit ein bisschen Regen: In einem wehenden Meer aus Fahnen und getragen vom frenetischen Jubel des Aachener Publikums sichert sich die deutsche Equipe im Mercedes-Benz Preis die Goldmedaille.

 

Es war mucksmäuschenstill im vollbesetzten Aachener Hauptstadion. Zehntausende Zuschauer verfolgten schier atemlos, wie ein dunkelbrauner Hengst über den Parcours flog – über Hindernisse in Höchstabmessung und mit einer Leichtigkeit, die den Atem stocken ließ. Was international als das Maß aller Dinge gilt, schien für den 12-jährigen Tobago Z-Nachkommen beinahe mühelos. Dann die letzte Distanz: perfekt getroffen. Ein leises Raunen ging durch die Ränge, als der Hengst den mächtigen Oxer taxierte. Noch ein Moment gespannter Erwartung – dann hob er ab. Sekundenbruchteile später explodierte das Stadion förmlich im Jubel. Otello de Guldenboom hatte seinen Reiter Daniel Deußer fehlerfrei durch den Parcours getragen und ihm, wie dieser später sagen sollte, einen „Once-in-a-lifetime-Moment“ geschenkt. Stehende Ovationen waren der Lohn für eine Leistung, die der deutschen Equipe den Weltmeistertitel sicherte – und das lange bevor Schlussreiter Richard Vogel das Hauptstadion überhaupt betreten hatte.

 

Und wer glaubte, das Höchstmaß an Stimmung wäre erreicht, der hatte den abschließenden Ritt des Publikumslieblings noch nicht erlebt. Was kam war eine Runde der Emotionen – und eine Demonstration dessen, wie einfach es aussehen kann, einen Parcours bei einer Weltmeisterschaft zu überwinden. Da spielte es auch keine Rolle, dass am Ende zwei Zeitfehler auf der Anzeigetafel standen. „Ich glaube, es gab noch nie ein glücklicheres Streichergebnis, als ich es heute war“, strahlte der 30-Jährige. Noch vor der offiziellen Zeremonie durfte er im Sattel seines Überfliegers United Touch S seinen persönlichen Siegeszug durch das Hauptstadion genießen – vor seinem Publikum, zu seinem Lieblingslied „Die Sonne geht auf“. Und so passte an diesem Abend einfach alles: Selbst der einsetzende Regen konnte die strahlende Stimmung im Stadion nicht trüben.

 

Das war aber noch lange nicht alles, was dieser so besondere Abend an Emotionen zu bieten hatte. Auch Sophie Hinners und ihr Iron Dames Singclair wurden vom Heimpublikum „durch den Parcours getragen“. Die Reiterin erlebte einen Ritt, der sich für sie „einfach nur gigantisch angefühlt“ hat. Und es gab Tränen – lange bevor feststand, dass die deutsche Equipe Gold gewinnen würde. Sie flossen bei Nadia Ehning, die umringt von ihren Kindern auf der Tribüne saß, während ihr Ehemann Marcus mit Coolio als erster Reiter der deutschen Equipe erneut das gelang, was ihm bereits an den Tagen zuvor gelungen war: Er lieferte ab! Und Nadia Ehning weiß wohl am besten, was dieser Moment ihrem Mann bedeutet haben muss, der sich selbst später so gelöst wie selten zeigen sollte. „Ich bin einfach fasziniert von meinem Pferd“, sagte Marcus Ehning und räumte mit einem Augenzwinkern ein, dass er an gleicher Stelle vor 20 Jahren deutlich nervöser gewesen sei. 2006 gehörte er bereits zur deutschen Equipe, die in Aachen Bronze gewann – inklusive jenes legendären Schreckmoments an der Mauer. Doch diese Szene ist längst Geschichte. Und für den 52-Jährigen schloss sich heute noch ein weiterer Kreis. Nachdem er bereits jener Mannschaft angehört hatte, die 2010 im US-Bundesstaat Kentucky zuletzt WM-Gold für Deutschland gewann, durfte er nun erneut ganz oben auf dem Podium stehen – diesmal an der Seite einer neuen Generation.

 

„Ich bin einfach nur happy und verdammt stolz auf meine ganze Truppe“, so Bundestrainer Otto Becker. „Das, was die vier hier geleistet haben, war eine tolle Werbung für unseren Sport.“ So souverän die siegreiche Equipe sich vom Rest des Feldes distanzierte (4,48), so spannend war der Kampf um die weiteren Medaillen. Silber sicherte sich nach einer fulminanten Aufholjagd das Team aus Belgien (11,69) mit Nicola Philippaerts mit Katanga v/h Dingeshof, Pieter Devos mit Casual DV Z, Thibeau Spits mit Impress-K van’t Kattenheye Z und Abdel Saïd mit Qathnan Quaker Brimbelles Z. Die Bronzemedaille sicherten sich die Mannschafts-Olympiasieger aus Großbritannien, die in der Besetzung Ben Maher mit Point Break, Harry Charles mit LT Holst Freda, Scott Brash mit Hello Mango und Adrian Whiteway mit Chacco Volo den Wettbewerb mit 12,98 Strafpunkten beendeten.

 

Morgen heißt es nun Kräfte sammeln für das große Einzelfinale am Sonntag. Geht es nach Bundestrainer Otto Becker, könnte im LONGINES-Preis, der zugleich den sportlichen Schlusspunkt der FEI World Championships Aachen 2026 bildet, noch die die eine oder andere Einzelmedaille für seine Reiter hinzukommen. Eines steht jedenfalls fest: Mit Daniel Deußer, der das Feld punktgleich mit dem Schweizer Steve Guerdat anführt – beide liegen bei 0,86 Strafpunkten –, dem Briten Ben Maher auf Rang drei (1,01), Marcus Ehning auf Rang vier (1,78) und Sophie Hinners auf Platz fünf (1,84) verspricht auch der Sonntagnachmittag Spannung bis zum letzten Sprung. Aachen hat sein Sommermärchen zurück. Und dieses goldene Kapitel ist noch nicht zu Ende geschrieben.

 

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PM

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