Gold für das US-Team
Spannend bis zum Schluss war die Team-Weltmeisterschaft der Para-Dressurreiter. Am Ende gewann das deutsche Team mit Heidemarie Dresing (Grade II), Regine Mispelkamp (Grade V), Newcomerin Helen Brandt (Grade IV) und der nervenstarken Schlussreiterin Anna-Lena Niehues (Grade IV) die Silbermedaille. Kein Vorbeikommen gab es an den USA, die sich wie schon in Paris nun auch in Aachen Gold sicherten. Die Titelverteidiger aus den Niederlanden wurden Dritte. Außerdem: Dank ihrer Ergebnisse und Platzierungen in der Teamprüfung sind alle vier deutschen Paare für die finale Kür am Sonntag qualifiziert. „Ich bin wirklich super, super zufrieden mit allen, sie haben eine mega Leistung hier gebracht“, sagte eine strahlende Bundestrainerin Silke Fütterer-Sommer.
Unglaubliche 20 Nationen bewarben sich in Aachen um die Medaillen in der Teamwertung – noch einmal vier mehr als bei der letzten WM in Herning und bei den Paralympics in Paris. Geritten wurde der Para Grand Prix B; wie in der Einzelwertung wurde an zwei Tagen in fünf Grades gestartet, entsprechend dem Grad der Einschränkung. Insofern musste während der gesamten Zeit viel gerechnet werden, denn jedes Team trat in unterschiedlicher Zusammensetzung an. Vorgeschrieben ist lediglich, dass nicht mehr als zwei Teammitglieder demselben Grade angehören dürfen und mindestens ein Paar dem Grade I, II oder III zugeordnet sein muss.
Das deutsche Team musste bis ganz zum Schluss warten, denn die Gruppe der Grade IV-Reiter bildete im Teamwettbewerb den krönenden Abschluss. Während andere Teams ihren Endstand längst kannten, mussten Helen Brandt mit Vulkan Vegas IB und zuletzt Anna-Lena Niehues mit Vive l’Amour erst noch an den Start. Vor- und Nachteil zugleich: Beide dürften ziemlich genau gewusst haben, welches Ergebnis notwendig war, um das Team in die Medaillen zu reiten.
Bereits vorgelegt hatten die frisch gebackene Weltmeisterin Heidemarie Dresing und ihre Rappstute Poesie, sie hatten am ersten Tag in Grade II 77,733 Prozent erzielt. Auch die WM-Dritte der Einzelwertung, Grade-V-Reiterin Regine Mispelkamp mit Highlander Delight’s, konnte sich gegenüber der Einzelwertung noch einmal steigern und mit 75,737 Prozent zum Teamergebnis beitragen. Allerdings waren auch die Briten, Dänen und vor allem die Niederländer stark unterwegs – von den US-Amerikanern ganz zu schweigen.
Entsprechend spannend wurde es mit der letzten Gruppe. Als erste Deutsche betraten Helen Brandt und ihr ausdrucksstarker Westfale Vulkan Vegas IB das Viereck. Die Anspannung stand der Reiterin ins Gesicht geschrieben, denn in der Einzelwertung hatten sich in ihren Ritt noch kleine Fehler eingeschlichen. Verändert habe sie danach aber nichts mehr, verriet die Medizinstudentin aus Lindlar später: „Ich habe weiter an meinen Routinen festgehalten, einmal den ganzen Ritt zusammen mit meiner Trainerin analysiert, und ich glaube, das war das Wichtigste. Er war am ersten Tag so beeindruckt, daher sind wir draußen auf dem Abreiteplatz noch mehr geritten, haben ihm noch einmal mehr Sicherheit gegeben und auch an meiner Sicherheit gearbeitet.“ Am Ende habe sie darauf vertraut, dass Vulkan Vegas IB noch mehr „angekommen“ sei und sie daher eine noch bessere Leistung würden abrufen können. Mit dem Gefühl sei sie auch eingeritten: „Egal, was passiert, irgendwie rocken wir das hier heute.“ Und damit sollte sie recht behalten. Dank eines Ergebnisses von 73,297 Prozent stand bereits nach ihrem Ritt fest, dass dem deutschen Team eine Medaille sicher war.
Dass es für Gold nicht mehr reichen würde, stand nach dem Start der letzten US-amerikanischen Reiterin, Grade-IV-Reiterín Kate Shoemaker, fest. Mit ihrem „Einhorn“, der eleganten Schimmelstute Vianne, demonstrierte sie schönes und fehlerloses Reiten, das von den Richtern mit 80,46 Prozent belohnt wurde. Umso höher ist die Nervenstärke von Anna-Lena Niehues zu bewerten, die direkt nach der laut umjubelten Amerikanerin aufs Viereck und abliefern musste, um Deutschland die mögliche Silbermedaille zu sichern. Im Viereck wuchsen die Pferdewirtschaftsmeisterin aus Gronau und ihre neunjährige in Westfalen gezogene Fuchsstute v. Vainqueur noch einmal über sich hinaus und machten mit der persönlichen Bestleistung von 76,405 Prozent den Vizeweltmeistertitel für das deutsche Team klar. Für Niehues selbst war es bereits die zweite Silbermedaille; auch in der Einzelwertung hatte sie diese Position belegt. „Es war einfach gradios, es war ein tolles Gefühl und das Ergebnis spricht doch für sich“, sagte Niehues nach ihrer Vorstellung. „Sie hat sonst eher ängstlich auf solche Dinge reagiert, wie das Stadion oder der Riesenapplaus. Dass sie das nun so genossen hat, und sagt: ‚Das ist mein Ding, ich hab da Bock drauf, das mit dir zu machen‘, zeigt einfach, dass der Weg, den wir im vergangenen Jahr gegangen sind richtig und wichtig war.“ „Dranbleiben“ sei das Motto, auch wenn am Ende immer auch ein Quäntchen Glück zum Erfolg dazugehöre.
Grade V: Mispelkamp hält das deutsche Team auf Kurs
Früh am Samstagmorgen betraten Regine Mispelkamp und Highlander Delight’s das Aachener Dressurstadion. Der imposante Dunkelfuchs zeigte sich entspannter als noch in der Einzelwertung, in der das Paar Bronze gewonnen hatte. Mit seiner Vorstellung kam es dicht an seine Bestleistung im Para Grand Prix B heran und steuerte 75,737 Prozent zum Teamergebnis bei. „Es war toll! Ich habe zwischendurch gedacht: Warum habe ich es am Donnerstag nicht so hinbekommen? Aber er war einfach toll, er hörte mir zu. Einmal kurz, als wir reinkamen, schaute er ein bisschen in die Ecke, und dann habe ich gesagt: Alles gut, alles gut“, sagte die Deutsche Meisterin. „Er hat einfach mega mitgemacht.“
Nicht nur das Pferd wirkte lockerer, auch die Reiterin, die beim Reiten häufig sehr konzentriert und ernst wirkt. „Ich versuche immer zu lachen, das fällt mir nicht so leicht, wenn ich mich konzentriere. Also versuche ich, es besser hinzubekommen“, sagte sie. „Der Druck war heute eigentlich genauso groß: Wir wollen natürlich eine Medaille gewinnen und müssen abliefern. Die anderen haben schon stark vorgelegt, teilweise sind bereits drei Reiter durch, und wir müssen Gas geben, müssen alles herausholen, was möglich ist. Das habe ich versucht." „Das war wirklich eine tolle Runde, ich bin sehr zufrieden“, betonte auch Bundestrainerin Silke Fütterer-Sommer.
Grade II: Dresing und Poesie machten den Anfang
Den ersten Auftritt fürs deutsche Team hatten die frisch gebackene Grade-II-Weltmeisterin Heidemarie Dresing und ihre Oldenburger Rappstute Poesie (v. Fürstenball) am Freitag. Dieses Mal ungestört von lauten Geräuschen zu Beginn, lieferten die beiden eine harmonische und nahezu fehlerlose Aufgabe ab, wenn auch noch etwas unter ihren Möglichkeiten: „Die beiden haben wieder eine tolle Runde gezeigt. Allerdings war Poesie doch noch ein kleines bisschen angespannt. Man hat schon gesehen, dass sie die Erfahrung vom ersten Tag noch nicht ganz abgeschüttelt hat. Das Halten am Anfang hätte etwas länger sein können, aber das ist wirklich Jammern auf hohem Niveau!“, sagte Bundestrainerin Silke Fütterer-Sommer.
„Mein großes Ziel war ja Einzel-Gold. Das habe ich erreicht, von daher ist es jetzt ein bisschen entspannter. Auf der anderen Seite gilt: Wenn man für die Mannschaft startet und auch vorlegt, dann möchte man natürlich auch nichts verschenken“, sagte Heidemarie Dresing nach ihrem Ritt. Wäre der Schreckmoment der ersten Prüfung während des Mannschaftsritts aufgetreten, „wäre ich wahrscheinlich nervöser gewesen. Das war im Prinzip ja nur für mich. Heute habe ich einfach gedacht: Ich muss sehen, dass ich viele Punkte bekomme. Und das ist mir ja gelungen. Von daher ist das, was ich mir vorgenommen habe, erfüllt.“
Und so sieht der Endstand aus: Die USA gewinnen Gold mit 236,135 Prozent, Deutschland wird mit 229,875 Prozent Zweiter. Die Niederlande als Titelverteidiger belegen mit 227,639 Prozent den Bronzerang. Pferdesport Deutschland/Hb
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