Interview mit Reitmeister Hans-Heinrich Meyer zu Strohen: ein Plädoyer für Zeit und Muße in der Ausbildung
Nach den Weltmeisterschaften ist vor den Al Shira'aa Bundeschampionaten. Zu den jüngsten Bundeschampionaten zählen die der fünf- und sechsjährigen Dressurpferde. Nach einem Probelauf 1989 wurden 1990 in Verden – 16 Jahre nach dem ersten Bundeschampionat des deutschen Reitpferdes – die beiden ersten offiziellen Dressurpferdechampions gekürt. Woran man ein gutes Dressurpferd erkennt und was für eine weitere erfolgreiche Laufbahn erforderlich ist, darüber spricht der jüngst zum Reitmeister ernannte Hans-Heinrich Meyer zu Strohen, U25- und Nachwuchs-Bundestrainer Dressur und selbst erfolgreicher Teilnehmer an den Bundeschampionaten, im Interview.
Frage: Auch in diesem Jahr erwarten wir wieder eine große Zahl an hochveranlagten jungen Dressurpferden bei den Al Shira’aa Bundeschampionaten. Dort treten sie in einer Dressurpferdeprüfung an. Die Kriterien, nach denen bewertet wird, sind vorgegeben. Einerseits spielt die Grundveranlagung eines Pferdes eine wichtige Rolle, aber auch die Rittigkeit. Außerdem wird mit der Note für den Gesamteindruck die Perspektive eines Pferdes für den weiteren Dressursport berücksichtigt. Was aber macht für Sie persönlich ein gutes Dressurpferd aus?
Hans-Heinrich Meyer zu Strohen: „Ob jemand ein Pferd gefällt, ist natürlich auch immer ein bisschen eine Geschmacksfrage, der eine mag dies, der andere das lieber. Es gibt aber Kriterien, die sehr relevant sind: Die Grundgangarten sollten natürlich und gut sein, nicht unbedingt überragend, aber reell und gleichmäßig. Was aber für die Entwicklung eines Dressurpferdes wahnsinnig wichtig ist, sind die inneren Werte. Wenn ich ein Pferd anschaue, dann schaue ich ihm zuerst in die Augen und beobachte seinen Körper, um dann zu sehen: Guck mal, das Pferd ist bereit, nachher im Sport Leistung zu bringen. Es muss mir das Gefühl geben, ja, da habe ich wohl Lust dazu, ich möchte ein Dressurpferd werden. Für mich muss ein gutes Dressurpferd immer eine besondere Persönlichkeit haben.
Frage: Sie haben selbst vielfach an den Bundeschampionaten teilgenommen? An welches Pferd erinnern Sie sich besonders?
Meyer zu Strohen: Das ist Poetin*, das ist einfach gar keine Frage. Dieses Pferd hat für meine Frau und für mich die Welt noch mal ganz anders eröffnet. Wir hatten das Glück Zugang zu einem Pferd zu haben, das charakterlich, was ich vorher schon gesagt hatte, eine unwahrscheinliche Perle war. Poetin hatte aber auch ihre Eigenarten und diese musste man ihr auch lassen. Wenn ich daran was verändern wollte, dann kam ich nicht weiter. Deswegen ist es auch ja auch so unheimlich wichtig, dass man immer in die Pferde hineinspürt. Poetin ist immer das Pferd gewesen, von dem ich gesagt habe: So ein Pferd kriegen wir nicht wieder. Und das ist auch so der Fall gewesen, muss ich ehrlich sagen. Von der Schönheit, von der Eleganz und vom ganzen Ausdruck her war sie einfach ein Fünf-Sterne-Pferd.“
*Poetin, Brandenburger Stute v. Sandro Hit – Brentano II, war Bundeschampionesse und Vizechampionesse des Deutschen Reitpferdes 2000 und 2001 mit Hans-Heinrich Meyer zu Strohen und 2003 Bundeschampionesse des Deutschen Dressurpferdes 2003 mit Kathrin Meyer zu Strohen.
Frage: Gibt es außer Poetin noch Pferde, die Ihnen in Erinnerung geblieben sind?
Meyer zu Strohen: So ein Pferd speziell herauszuheben, das kann ich jetzt gar nicht so genau sagen. Es sind ja mehrere gewesen, die sich dann auch weiterentwickelt haben, wie beispielsweise Belissimo oder Kaiserdom*. Beide sind in eine gute Spur gekommen und haben das Ausbildungsziel mit dem Grand-Prix-Sport erreicht. Das ist ja das große Ziel. Wir haben immer wieder ganz, ganz tolle Pferde hier bei den Bundeschampionaten. Dann fragt man sich manchmal, warum ist aus dem ein oder anderen nichts geworden? Das hat immer unterschiedliche Gründe. Und natürlich kommt nicht jedes Pferd zum Grand Prix, das wissen wir auch. Aber ich glaube, und das wissen wir alle, wenn wir uns etwas mehr Zeit und Muße lassen, in der Ausbildung der Pferde, dann haben wir auch die Chance, dass sie es weit bringen. Gerade bei der guten Qualität, die wir bei den Reitpferden heutzutage haben. Wir müssen uns nur immer wieder sagen: ‚Warte doch mal, lass dir etwas mehr Zeit, dann schaffst du das auch, mit dem Pferd in den höheren Sport hineinzukommen.'
*Kaiserdom TSF, Trakehner Hengst v. Van Deyk – Gajus und Belissimo NRW, Westfälischer Hengst v. Beltain – Romadour II, waren 2005 mit Kathrin Meyer zu Strohen Bundes- bzw. Vize-Bundeschampion des 6-jährigen Deutschen Dressurpferdes.
Frage: Damit ist eigentlich auch die letzte Frage schon etwas beantwortet: Was muss idealerweise passieren damit es nach dem Bundeschampionat mit einem Pferd weitergeht?
Meyer zu Strohen: Ein Pferd, das die Grundvoraussetzung für den großen Sport mitbringt, muss eine klare, betreuende Ausbildung haben. Das muss jemand sein, der sich dahingehend auskennt und der das Pferd auch versteht und der sich Zeit dabei lässt. Wir müssen immer mal wieder gedanklich innehalten und uns manchmal auch ein bisschen zusammenreißen und sagen: ‚Nein, wir warten. Wir verzichten vielleicht auf den einen Sieg, den wir heute gerne haben wollen, um morgen einen besseren Sieg zu haben.‘ Das ist in der Ausbildung für die Pferde ganz wichtig. Aber durch die Zeit, die wir uns nicht nehmen, hat das ein oder andere Pferd nicht die Chance, seinen Anlagen entsprechend im Sport nach oben zu kommen. Pferdesport Deutschland/Hb
Weitere Informationen zu den Al Shira'aa Bundeschampionaten gibt es unter www.bundeschampionate-warendorf.de, Tickets direkt im Ticketshop.




























