Foto: Gemeinsam für einen offenen Austausch im Pferdesport: Falk Stankus, Tina Kropik, Ralf Döringshoff, Thomas Johannsen, Maike Schwerdtfeger und Stefanie Gladbach (v.l.n.r.) brachten beim CHAMP Forum unterschiedliche Perspektiven und wertvolle Denkanstöße zusammen - Fotograf: RathmannVerlag/Lena Magens
(Osdorf/ Kiel) Ein ausverkauftes Haus, offene Worte und Denkanstöße, die nachwirken: Nach rund 15 Jahren Pause ist das CHAMP Forum zurück im Herrenhaus Borghorst. Unter dem Motto „Mut zum Umdenken“ wurde darüber diskutiert, wie Pferdeausbildung, sportlicher Ehrgeiz und mentale Stärke zusammenfinden und was es bedeutet, das Pferd wirklich wahrzunehmen.
Vier Perspektiven, ein Ziel
Dass das CHAMP Forum nach so langer Zeit wieder ins Leben gerufen wurde, ist vor allem den Organisatoren Maike Schwerdtfeger und Thomas Johannsen von CHAMP Pferdefutter (Inter Farm Handel GmbH) zu verdanken. Schwerdtfeger übernahm dabei nicht nur die ehrenamtliche Organisation, sondern führte als Moderatorin auch durch den Abend. Für beide war es eine Herzensangelegenheit, das Forum wieder aufleben zu lassen. Umso größer sei ihre Freude und ihr Stolz darüber, wie positiv die Veranstaltung angenommen wurde.
Der Abend begann mit einem gemeinsamen Essen, Gesprächen und dem AGRILL-Buffet mit regionalen Produkten. Dabei ging es nicht nur ums Zusammenkommen, sondern vor allem um die Fragen: Wie lässt sich etwas verändern, das über viele Jahre selbstverständlich geworden ist? Und wie wird aus dem Wunsch nach einem anderen Umgang mit dem Pferd konkretes Handeln?
Das Thema des Abends hat für Maike Schwerdtfeger auch einen persönlichen Hintergrund. Neben ihrer eigentlichen beruflichen Tätigkeit widmet sie sich in ihrem „zweiten Leben“ der Osteopathie und Fütterungsberatung. Ihre sportliche Motivation und ihr hoher Anspruch an Haltung und Management ihrer Pferde hätten sie immer wieder vor Situationen gestellt, in denen sie nicht weitergewusst habe. Dabei sei ihr deutlich geworden, dass es selten nur einen Ansatz gebe: Neben Haltung und Training spielen auch Fütterung, Equipment und osteopathische Aspekte eine Rolle. Nicht zuletzt gehe es darum, das Pferd wirklich zu verstehen und auch die eigene mentale Verfassung zu hinterfragen. „Wie spricht das Pferd eigentlich mit mir und bin ich überhaupt in der Lage, das zu verstehen?“ Diese Frage stand für Schwerdtfeger sinnbildlich für das Thema des CHAMP Forums. Mit Falk Stankus, Pferdewirtschaftsmeister und Ausbilder bis Grand Prix, Tina Kropik, österreichische Dressurreiterin und Buchautorin, Ralf Döringshoff, Pferdewirtschaftsmeister und Gründer der „Gerittenen Osteopathie“, sowie Stefanie Gladbach, Mentalcoach für Angstreiter, kamen vier Experten mit ganz unterschiedlichen Perspektiven zusammen.
Grundlagen statt Abkürzungen
Wie schnell im modernen Pferdesport das nächste Turnier oder die nächste Lektion das Handeln bestimmt, wurde in der Diskussion ebenso deutlich wie die Bedeutung einer soliden Basis. Tina Kropik vermittelt den Weg, dem Pferd Zeit zu geben und die Ausbildung nicht nach schnellen Ergebnissen auszurichten. Rhythmus, Losgelassenheit und Verbindung seien keine Stationen, die man einfach abhaken könne. Sie müssten sich entwickeln und im täglichen Training immer wieder überprüft werden.
Falk Stankus machte dies mit einem Vergleich aus der Küche anschaulich: „Wenn wir backen wollen, brauchen wir erstmal Teig.“ Auch im Training müsse die Basis stimmen, bevor eine Lektion gelingen könne. „Die Lektion ist der fertige Kuchen am Ende“, erklärte Stankus sinngemäß.
Auch Ralf Döringshoff lenkte den Blick auf die körperlichen Voraussetzungen. Gerade talentierte Sportpferde könnten früh an Grenzen stoßen, wenn ihre Entwicklung nicht ausreichend berücksichtigt werde. Für ihn beginnt Ausbildung deshalb am Boden: Das Pferd solle zunächst lernen, seinen Körper zu organisieren und selbst zu tragen, bevor das zusätzliche Gewicht des Reiters hinzukomme.
Selbsthaltung des Pferdes
Was bedeutet es, ein Pferd auszubilden, ohne es ständig in eine gewünschte Form zu bringen? Falk Stankus beschrieb die Selbsthaltung des Pferdes als Anspruch, der den gesamten Reitprozess begleiten solle: „Das Pferd soll sich jederzeit selbst ausbalancieren können, vom entspannten Ritt am langen Zügel bis zur anspruchsvollen Lektion. Selbsthaltung ist somit keineswegs nur die Kirsche auf dem Kuchen“, erklärte er. Daraus folgte auch eine klare Verantwortung für den Menschen. Wer auf ein Pferd steigt, beeinflusst es – ob bewusst oder unbewusst. Döringshoff formulierte diese Verantwortung besonders eindrücklich: „Wenn man die Nickbewegung an den Händen fühlt, hat man die Verantwortung für die Tragkraft des gesamten Pferdes wortwörtlich mit den Händen.“ Ein Satz, der den Anspruch an feines Reiten greifbar mache.
Erst wahrnehmen, dann verändern
Falk Stankus mahnte dazu, ein vermeintliches „Korrekturpferd“ nicht vorschnell verändern zu wollen. Zunächst müsse der Mensch das Verhalten des Pferdes wahrnehmen und verstehen: „Ich muss erst mal akzeptieren, dass es so ist. Erst wenn der Mensch das Verhalten des Pferdes wirklich wahrnehmen kann, kann er überlegen, was es braucht. Vertrauen lässt sich nicht erzwingen, es muss durch Sicherheit, Klarheit und einen passenden Umgang wachsen.“
Dass diese Haltung auch die eigene Psyche betrifft, verdeutlichte Stefanie Gladbach. Angst sei kein Tabu und keine Sackgasse, könne sich jedoch in einer Spirale verstärken: Der Mensch wird angespannt, die Atmung verändert sich, das Pferd nimmt die Stimmung auf und die Unsicherheit wächst. Ihre Botschaft: „Glaub nicht alles, was du denkst, Gedanken sind nicht automatisch Tatsachen.“ Statt gegen die eigene Angst anzukämpfen, könnte es helfen, sie als Hinweis zu verstehen und sich zu fragen, was dahintersteckt. „Es ist in Ordnung, Angst zu haben und eine schwierige Situation bedeutet nicht, dass man aufgeben muss“, lautete ihre klare Botschaft. Dazu gehöre für Gladbach auch der Umgang miteinander. Statt an der Bande über andere zu sprechen, sollten Reiter das Gespräch miteinander suchen: „Lass uns doch mal gemeinsam drüber reden, statt übereinander.“ Ein Appell, der weit über den Reitplatz hinausreicht.
Ein Schritt zurück kann der richtige Weg sein
Tina Kropik appellierte an die Anwesenden, ihre Pferde aufmerksam wahrzunehmen und ehrlich zu hinterfragen, wie es ihnen während der Arbeit geht. Wenn sich etwas nicht gut anfühlt, müsse man nicht weiter Druck machen. Manchmal sei es besser, zwei oder drei Schritte zurückzugehen, wieder an den Grundlagen zu arbeiten und dem Pferd Zeit zu geben, sich zu entspannen.
Ralf Döringshoff erinnerte zugleich daran, dass sportlicher Ehrgeiz und verantwortungsvolle Ausbildung kein Widerspruch sein müssen. Er sei ausdrücklich ein Freund des Hochleistungssports und davon, das Talent eines Pferdes vollständig zu entfalten – allerdings so, dass es möglichst lange erhalten bleibt. Der Mensch müsse sich immer wieder bewusst machen, dass das Pferd ihm körperlich überlegen ist und ihm dennoch vertraue.
Ein Abend der noch lange nicht zu Ende ist
Am Ende stand keine einfache Formel, sondern die Aufforderung, genauer hinzusehen und das eigene Handeln immer wieder zu hinterfragen. Maike Schwerdtfeger brachte diese Vielfalt des Abends auf den Punkt: „Die unterschiedlichen Facetten ergeben am Ende ein Ganzes.“ Ihr Fazit fällt eindeutig aus: „Es war viel zu kurz – wir hätten noch zwei Stunden länger reden können.“ Auch Thomas Johannsen machte deutlich, dass es weitergehen soll: „Wir wollen weitermachen!“
Das CHAMP Forum ist zurück. Und mit ihm eine Diskussion, die nach dem letzten Wort noch lange nicht beendet ist.
PM




























