Interview mit Thies Kaspareit: „Ich reite als Richter in Gedanken auch immer ein bisschen mit“
Der Hannoveraner fischerChipmunk FRH steht für eine Karriere wie aus dem Bilderbuch. Gerade krönte sich der ehemalige Bundeschampion der Vielseitigkeitspferde zum neuen Weltmeister. Ihren Ursprung haben die Bundeschampionate der fünf- und sechsjährigen Vielseitigkeitspferde in der Suche nach einem Jagdpferde-Champion, die allerdings nur dreimal stattfand. Ab 1987 wurde daraus zunächst das Geländepferdechampionat, ab 1994 dann das Bundeschampionat des Deutschen Vielseitigkeitspferdes. Auch bei den Al Shira’aa Bundeschampionaten 2026 werden wieder die dressur- und springmäßige Veranlagung der Kandidaten überprüft. Im Mittelpunkt steht allerdings nach wie vor das Gelände: Eine Geländepferdeprüfung entscheidet über den Einzug ins Finale und wird dort doppelt gewertet. Woran man ein gutes „Buschpferd“ erkennt und was für eine weitere erfolgreiche Laufbahn erforderlich ist, beantwortet Thies Kaspareit, Vielseitigkeits-Olympiasieger, Teamleiter Ausbildung bei Pferdesport Deutschland und regelmäßiger Kommentator auf dem Warendorfer Vielseitigkeitsplatz, im Interview.
Frage: Im Gelände wünscht man sich ein schnelles, ausdauerndes, sicheres und geschicktes Vielseitigkeitspferd, dessen Bewegungsabläufe und Verhalten an den Sprüngen entsprechend ökonomisch sein sollen. In der Geländepferdeprüfung soll sich auch zeigen, ob ein Pferd im Hinblick auf seinen Einsatz als Vielseitigkeitspferd ausbildungsmäßig auf dem richtigen Weg ist. Wenn Sie die Pferde beim Bundeschampionat sehen, worauf achten Sie persönlich als Erstes? Welche von all den Eigenschaften, die ein gutes Vielseitigkeitspferd mitbringen sollte, ist Ihnen am wichtigsten? Und wo würden Sie am ehesten einen Kompromiss machen?
Thies Kaspareit: Bei manchen Pferden hat man den Eindruck, dass ihnen die Anforderungen in Dressur, Springen und Gelände bereits in dem jungen Alter sowohl mental als auch körperlich leichtfallen. Diese Selbstverständlichkeit ist vielleicht so eine besondere Eigenschaft. Neben den bekannten Kriterien, die wir als Richter aus guten Gründen abarbeiten, um zu angemessenen Noten zu kommen, schwingen immer auch persönliche Eindrücke mit, die gar nicht so klar zu fassen sind. Wenn ein Pferd zum Beispiel ehrgeizig ist und trotzdem gut auf die reiterlichen Hilfen reagiert, dann ist das oft eine ganz besondere Qualität. Auch das aufmerksame Mitdenken an den Sprüngen, ohne zögerlich zu wirken, ist etwas, was dem Reiter ein sehr gutes und gleichzeitig sicheres Gefühl gibt und was beide in der Vorstellung dann auch ausstrahlen. Zu den Sicherheitsaspekten, auf die ich besonders achte, gehört auch das klare Abfußen an den Sprüngen. Das Pferd soll nicht nur irgendwie mit guter Beintechnik drüberspringen, sondern auch mit gutem Abdruck. Um das sichere Gefühl am Sprung und in der Landung nachvollziehen zu können, ist es sehr hilfreich, selbst viele verschiedene Pferde geritten zu haben. Ich reite als Richter in Gedanken auch immer ein bisschen mit. Frage: Gibt es Bundeschampions/Medaillengewinner, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind? Und warum?
Thies Kaspareit: Da ist zum einen Chipmunk, der 2013 mit Julia Krajewski Bundeschampion der fünfjährigen Vielseitigkeitspferde wurde. Dessen weitere Karriere spricht, glaube ich, für sich. Im Gedächtnis geblieben ist mir auch Gentleman FRH (Hannoveraner Hengst von Grey Top – Fabriano), der sowohl 2017 als Fünf- als auch 2018 als Sechsjähriger Bundeschampion des Deutschen Vielseitigkeitspferdes wurde. Jeweils perfekt geritten von Sandra Auffarth. Und dann fällt mir spontan Lilli Pop K ein, eine vollblutgeprägte Hannoveraner Stute von Le Primeur – Natiello xx, die 2007 mit Linda Algotsson Bundeschampionesse der fünfjährigen Vielseitigkeitspferde wurde. Sie war so leichtfüßig, geschickt und im Gelände selbstständig mitdenkend, dass wir darüber diskutiert haben, ob wir das nicht mit einer 10,0 bewerten sollen. Wir blieben dann am Ende ganz knapp darunter.
Frage: Viele Vielseitigkeitspferde haben ihre sportliche Karriere in Warendorf begonnen, man denke an die Olympiasieger Sam, Marius oder den bereits erwähnten Chipmunk. Worauf kommt es an, ob ein Pferd tatsächlich im internationalen Sport landet und vielleicht auch ganz oben? Was haben die Championatspferde an sich, was andere nicht haben? Und was sind die gravierendsten Fehler bei der Ausbildung, die man machen kann?
Thies Kaspareit: Als erstes kommt es darauf an, bei welchem Reiter diese Pferde landen oder bleiben. Denn nur ein perfektes Team wird es bis nach ganz vorne schaffen. Nicht alle Pferde können Olympiasieger werden, aber wir sehen sehr viele ehemalige Bundeschampionatsteilnehmer im internationalen Sport wieder. Ich denke dabei auch an viele Beispiele aus dem Top-Junioren- und Junge-Reiter-Bereich. Nachwuchspferde und -reiter wachsen quasi gemeinsam in den Sport hinein.
Wir dürfen daher durchaus ein bisschen stolz darauf sein, dass wir mit unserem System zahlreiche talentierte Pferde hervorgebracht haben, die die Anforderungen der Bundeschampionate besonders gut erfüllt haben und später auch im „richtigen“ Vielseitigkeitssport durch Mut, Ausdauerleistungsfähigkeit, Schnelligkeit, Vermögen, aber auch die richtige Mentalität und Ausgeglichenheit bestehen konnten. Alles andere ist, wie so viele unterschiedliche Beispiele zeigen, von vielen Faktoren abhängig. Entscheidend ist, dass ein Pferd trotz frühzeitiger Erfolge weiter vernünftig aufgebaut wird, um auch die gesundheitliche Stabilität für eine internationale Karriere zu haben. Wenn ein junges Pferd dank Talent und guter Ausbildung schon gute Leistungen erbringen kann, heißt das noch lange nicht, dass es auch schon die Konstitution hat, um den körperlichen Belastungen langfristig standhalten zu können. Deshalb ist es sehr wichtig, ein junges Pferd dosiert zunächst an die Bundeschampionatsanforderungen und später ebenfalls behutsam Schritt für Schritt an die höheren Anforderungen des internationalen Vielseitigkeitssports heranzuführen. Pferdesport Deutschland/Hb
Weitere Informationen zu den Al Shira'aa Bundeschampionaten gibt es unter www.bundeschampionate-warendorf.de, Tickets direkt im Ticketshop.




























